5. – 13. Schuljahr

Gerhard Henke-Bockschatz

Zeitzeugeninterviews

Überlegungen zu verschiedenen Formen der Oral History

Geschichte lernen hat im Jahr 2000 zuletzt ein Themenheft zu „Oral History herausgegeben (Geschichte lernen 76). Damals wurde viel Wert auf den Gedanken gelegt, dass direkte Zeitzeugenbefragungen die Schülerinnen und Schüler auf vielfältige Art aktivieren können. Dabei sind nach wie vor zwei Gesichtspunkte besonders hervorzuheben.
Der erste Gesichtspunkt betrifft den spezifischen Zugang zur Vergangenheit: Für Schülerinnen und Schüler wirken Zeitzeugeninterviews meistens motivierend, weil die unmittelbare persönliche Begegnung mit einem Menschen, der „Geschichte erlebt hat, eine berührende subjektiv-emotionale Dimension hat, die ansonsten beim historischen Lernen im Geschichtsunterricht, wo Printmedien noch immer im Mittelpunkt stehen, kaum berücksichtigt wird.
Der zweite Gesichtspunkt ergibt sich aus den methodischen Anforderungen, die mit der Durchführung eines Zeitzeugeninterviews verbunden sind: Wenn Kinder und Jugendliche im Geschichtsunterricht über Zeitzeugen ein historisches Geschehen, das in ihrem lokalen, regionalen oder familiären Umfeld stattgefunden hat, selbst recherchieren, so müssen sie schon fast automatisch eine Vielzahl zentraler Operationen des historischen Denkens vollziehen. Sie müssen sich für ihr forschend-entdeckendes Vorgehen ein gewisses thematisches Vorwissen erarbeiten, müssen Leitfragen entwickeln, müssen überlegen, wen man zu einem Thema überhaupt befragen kann und will, müssen das Interview vorbereiten und durchführen, müssen es anschließend analysieren, interpretieren und kontextualisieren und müssen es schließlich auf das anfängliche Erkenntnisinteresse zurückbeziehen. Diese didaktischen Begründungen, die das Aktivierungspotenzial der Methode „Zeitzeugeninterview in den Mittelpunkt stellen, gelten heute immer noch, auch wenn im gewöhnlichen Geschichtsunterricht vielleicht nur im Rahmen von (fächerübergreifenden) Projekten die Zeit ausreicht, um alle genannten Schritte durchlaufen zu können.
Diese Ausgabe enthält zwei Beiträge, die die aktive Durchführung von Zeitzeugeninterviews durch Schülerinnen und Schüler in den Blick nehmen:
  • Dieter Vaupel stellt einen allgemeinen Leitfaden zur Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von Zeitzeugeninterviews im Geschichtsunterricht vor;
  • Dirk Witt zeigt am Beispiel der Befragung von Großeltern zu deren Kindheit, wie nützlich und motivierend Zeitzeugenbefragungen auch schon im historischen Anfangsunterricht sein können.
Zeitzeugen als Medientypus
Ein weiterer Begründungsstrang für die Verwendung von Zeitzeugenaussagen im Geschichtsunterricht, dem in diesem Heft relativ viel Platz eingeräumt wird, ergibt sich aus einer alltäglichen Beobachtung: In der heutigen medialen Geschichtskultur nimmt die Figur des Zeitzeugen eine zentrale Rolle ein. Bei zeitgeschichtlichen Themen verzichtet kaum eine Dokumentation im Fernsehen, im Radio oder in einer Ausstellung auf den Einbezug von Zeitzeugenaussagen. Darüber hinaus hat die Zahl aktueller und älterer Zeitzeugeninterviews, die leicht und schnell über das Internet und über andere digitale Medien bezogen werden können, stark zugenommen.
Beide Tendenzen die mediale Präsenz der Zeitzeugen und der breite sowie leichte Zugriff auf Zeitzeugen über die digitalen Medien machen es notwendig, Schülerinnen und Schüler die Kompetenz zur Analyse und Beurteilung medial dargebotener Lebenserzählungen zu vermitteln. Heike Wolter zeigt dies in ihrem Beitrag exemplarisch auf. Sie entwickelt am Beispiel des Mauerbaus vom 13. August 1961 eine Herangehensweise, wie sich Lernende mit dem Zeitzeugenportal „Gedächtnis der Nation im Unterricht auseinandersetzen können.
Für die mediale Zeitzeugenflut, die als ein Teil des „history booms der vergangenen Jahrzehnte betrachtet werden muss, stellen die enormen technischen Fortschritte bei der Aufzeichnung und Speicherung von visuellen und auditiven...

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