5. – 6. Schuljahr

Dirk Witt

Wie war das früher bei dir?

Ein Oral-History-Projekt im historischen Anfangsunterricht

Schülerinnen und Schüler, die nach der Grundschule in die Sekundarstufe wechseln und erstmalig im Fach Geschichte oder einem integrierten gesellschaftswissenschaftlichen Lernbereich unterrichtet werden, besitzen in der Regel ein hohes Interesse an der Vergangenheit und an der eigenen Familiengeschichte.
Dies gilt es für den historischen Anfangsunterricht zu nutzen. Denn hier geht es um die Frage, wie Historikerinnen und Historiker zu ihren Narrationen gelangen und wie es gelingen kann, dass auch wir triftige und begründete Narrationen entwickeln. Gleichzeitig müssen diese Erfahrungen und Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler so verallgemeinert werden, dass sie transferfähig werden und im Laufe des weiteren Geschichtsunterrichtes mitgedacht und ausdifferenziert werden können.
Das dargestellte Unterrichtsvorhaben konkretisiert diese Überlegungen und stellt dafür die Methode „Oral History in den Lernmittelpunkt.
Familiengeschichte als Lerngegenstand
Biographisches Lernen ist mittlerweile als Lerngegenstand anerkannt. Das hohe Potenzial hinsichtlich Motivation, Nutzwert und Anschaulichkeit ist unumstritten. Gleichzeitig wurde erkannt, dass mit dem biographischen Lernen wichtige Lernfortschritte im Temporal-, Historizitäts- sowie Identitätsbewusstsein erreicht werden können. In der neueren fachdidaktischen Diskussion kommen weitere Argumentationsstränge hinzu.
So weisen heutige Lerngruppen eine hohe Heterogenität in vielfältigen Dimensionen auf, die Auswirkungen auf die Unterrichtsgestaltung haben. In diesem Zusammenhang sind unter anderem die kulturelle Pluralität sowie die Beschulung von Kindern mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf von großer Relevanz.
Die kulturelle Pluralität vieler Lerngruppen ist einerseits eine Herausforderung, bietet aber andererseits in bestimmten Lernarrangements ein großes Lernpotenzial, welches es zu nutzen gilt. Berichten beispielsweise Kinder ihren Mitschülern über das Familienleben in anderen Kulturkreisen und Ländern, so ist dies für die Lernenden nicht nur spannend. Es bereichert aufgrund der Fremdartigkeit, löst selbstreflektierende Denkprozesse über das eigene Familienleben aus und trägt somit zum Alteritätsverständnis bei ein Beitrag des Faches Geschichte zur transkulturellen Kompetenz der Schülerinnen und Schüler.
Erste fachdidaktische Überlegungen zum inklusiven Geschichtsunterricht zeigen zudem anhand von praktischen Beispielen auf, dass das biographische Lernen ein möglicher Weg ist, wie alle Kinder einer Lerngruppe am gleichen Lerngegenstand gemeinsam mit- und voneinander lernen können (Musenberg/Pech 2010). Anhand der eigenen Familiengeschichte können Schülerinnen und Schüler also anschaulich, konkret und handelnd wesentliche Erfahrungen machen und wichtige Erkenntnisse sammeln und tendenziell wie Historiker arbeiten.
Oral History im Anfangsunterricht
Die fachspezifische Arbeitstechnik „Oral History hat die Geschichtsdidaktik präzise beschrieben und strukturiert. Für den historischen Anfangsunterricht gilt es, diese Methode dem Lernalter und den Lernerfahrungen anzupassen. Deshalb schlägt der Beitrag einen methodischen Vier-Schritt aus Planungs-, Durchführungs-, Auswertungs- sowie Reflexionsphase vor (siehe Kasten „Oral History im Anfangsunterricht).
Unterrichtsdramaturgie
Die Schülerinnen und Schüler sollen sich im dargestellten Unterrichtsvorhaben mit der Frage „Wie verbrachten meine Großeltern ihre Kindheit? auseinandersetzen. Dazu ist es zunächst notwendig, das subjektive Konzept aller Lernenden zu öffnen, d.h. ihre Interessen, Fragen und das Vorwissen zu aktivieren.
Einstieg in das Thema mit der Marktplatz-Methode (Material 1)
Mittels der kommunikativen Methode „Marktplatz kann dies geschehen. Die Schülerinnen und Schüler laufen durch den Klassenraum. Im Hintergrund läuft leise eine Instrumentalmusik. Die Lehrkraft formuliert...

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