9. – 13. Schuljahr

Dorothee Wein

„Wie kalt es war, wie hungrig man war, das ist nicht wichtig.

Über die Spezifik von Video-Interviews mit Überlebenden des Nationalsozialismus als Quelle im Geschichtsunterricht

Der Einsatz von Zeitzeugeninterviews im Schulunterricht wird seit vielen Jahren praktiziert und seit einiger Zeit auch zunehmend beforscht. Meist ziehen die Beteiligten dabei ein überwiegend positives Fazit, da Jugendliche sich gern mit persönlichen Erinnerungen beschäftigen und sehr aufmerksam zuhören, wenn ein Zeitzeuge in die Schule eingeladen oder wie in den letzten Jahren verstärkt mit videografierten Quellen gearbeitet wird.
Ein quellenkritischer Zugang
Allerdings kann anhand der Reaktionen – vor allem der jüngeren Schülerinnen und Schüler auch beobachtet werden, dass eine Art Kurzschluss zwischen Geschichte, Erinnerung und Erzählung stattfindet: Der Zeitzeuge „war dabei und kann daher „aus erster Hand berichten, „wie es wirklich gewesen ist. Ziel der Unterrichteinheit ist daher, den Jugendlichen einen quellenkritischen Zugang zu lebensgeschichtlichen Oral-History-Interviews zu ermöglichen. Den Rahmen für die hier vorgeschlagene Unterrichtseinheit bildet die Erörterung der Frage: „Welche Vor- und Nachteile bieten Video-Interviews mit Überlebenden für das Lernen über den Nationalsozialismus? Dabei entsteht eine Hypothesensammlung, durch die der Zugang und die Vorerfahrungen der Lernenden bezüglich des Themas transparent werden.
Didaktische Überlegungen
Die Jugendlichen nähern sich dem Thema über verschriftlichte Statements aus den Interviewfilmen mit vier Überlebenden des Nationalsozialismus und der NS-Zwangsarbeit (Material 1 – Material 4). Sie erarbeiten daraus verschiedene Faktoren, die die lebensgeschichtlichen Erzählungen prägen: Die Motivation und die Zielsetzung der Erzählenden, ihre Botschaften, die Grenzen der Vermittelbarkeit der Erfahrungen sowie die Rolle der Zuhörer/Interviewer.
Über einen Vergleich der Passage aus dem (übersetzten) Transkript mit der Wirkung des entsprechenden Videoausschnitts abrufbar auf dem Portal https://lernen-mit-interviews.de/ – erkennen die Jugendlichen die Besonderheiten des Mediums.
In den verwendeten Passagen reflektieren die Interviewten selbst über wesentliche Aspekte ihrer Erzählung und liefern dadurch Ansatzpunkte dafür, dass die Schülerinnen und Schüler diese kritisch hinterfragen können. Die Lernenden erkennen, dass der Wert der Erzählungen nicht darin besteht, dass sie Geschichte einfach „abbilden, sondern dass darin subjektive Erfahrungen auf unterschiedliche Art und Weise verarbeitet und interpretiert werden.
Seit einiger Zeit bietet die Online-Anwendung „Lernen mit Interviews einerseits Zugang zu sieben lebensgeschichtlichen Interviewfilmen mit ehemaligen Verfolgten des Nationalsozialismus, andererseits finden sich hier bereits Materialien zur Kontextualisierung und Aufgabenstellungen, aus denen Jugendliche eigenständig und handlungsorientiert Ergebnisse erstellen können. Die Nutzung der Plattform erfordert eine einfache und kostenfreie Registrierung.
Nach der Arbeit mit einem der vier Interviewfilme auf der Online-Anwendung „Lernen mit Interviews. Zwangsarbeit 1939 – 1945 (siehe Material 1 – Material 4) können die Jugendlichen abschließend aus eigener Anschauung beantworten, inwiefern sie aus den lebensgeschichtlichen Video-Interviews neue Erkenntnisse über den Nationalsozialismus und seine Nachgeschichte gewonnen haben und wie sie daraus folgend nun die Rolle der Quellengattung Video-Interview beurteilen.
Als Vorwissen sollten die Lernenden über Basiswissen zum Nationalsozialismus, der NS-Ideologie mit ihren zentralen Feindbildern sowie zum Holocaust verfügen. Die curriculare Einordnung kann über die Themen „Demokratie und Diktatur, „Zweiter Weltkrieg, über „Geschichts- oder Erinnerungskultur, Module zur Methodenkompetenz (Oral History als Quelle) oder über Themen wie „Deutschland und seine Nachbarn im...

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