5. – 13. Schuljahr

Maria Derenda

Hamsterfahrten als Vorstellung im kollektiven Gedächtnis

Geschichten von Überlebensstrategien

Die Lebensmittelknappheit, der die deutsche Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkrieges ausgesetzt war, endete nicht mit dem Krieg. Im Gegenteil, die Versorgungskrise spitzte sich drastisch zu. Während der durchschnittliche Kalorienverbrauch einer Person kurz vor dem Kriegsende auf knapp über 2000 Kalorien abgesunken war, halbierte er sich bis Mitte 1946 noch einmal.
Wie schon in den Kriegsjahren, wurden Lebensmittel rationiert. Es fehlte allerdings nicht nur an Nahrung auch Kleidung, Brennstoff und Hausrat wurden knapp. Das Versorgungsproblem ist nicht nur auf die Kriegswirtschaft und die zerstörte Infrastruktur in Deutschland zurückzuführen, sondern auch auf die schlechten Ernten in weiten Teilen der Welt (vgl. Rothenberger 1997, S.159f.). Andere europäische Länder waren von der Versorgungskrise ebenfalls betroffen. Nach Schätzungen des Agrarwissenschaftlers Radoslaw Kinzhuber ging die Nahrungsmittelproduktion in Europa 1946 um 37 Prozent gegenüber 1938/39 zurück. Und auch im Folgejahr lag die Produktion immer noch bei 25 Prozent weniger als 1938/39 (vgl. Kinzhuber 1949, S. 90ff.).
Hamstern gegen den Hunger
Um eine Hungerkatastrophe abzuwenden, etablierten die Siegermächte ein Erfassungs- und Bezugssystem von Lebensmitteln und Textilien. Beschaffung von rationierten Gütern außerhalb dieses Verteilungssystems war verboten.
Die durch Lebensmittelkarten zugeteilte Menge an Gütern variierte je nach Personengruppe. Gesonderte Zuteilungen gab es für Schwer- und Schwerstarbeiter, Kranke, Schwangere, und stillende Frauen. Das Verteilungssystem löste jedoch die kritische Situation kaum, da es nur wenig zum Rationieren gab. Der Schwarzmarkt florierte.
Die desolate Versorgungslage betraf in Deutschland insbesondere die Bevölkerung in den stark zerstörten Großstädten. Auf dem Land war die Not deutlich geringer. Die Bauern hielten ihre Erzeugnisse vor den Erfassungsämtern zurück. In Massen pilgerten die Stadtbewohner in überfüllten Zügen in die ländliche Gegend, um Kleidung und Wertgegenstände gegen Lebensmittel einzutauschen. Sie fuhren „hamstern.
Didaktische Überlegungen
Der Unterrichtsvorschlag verbindet alltagshistorische und theoretische Ebenen miteinander. Er räumt den Schülerinnen und Schülern dadurch die Möglichkeit ein, nicht nur über Aspekte des Alltagslebens in der Nachkriegszeit, sondern auch mit der retrospektiven Konstruktion des historischen Wissens über diese Phase der Vergangenheit nachzudenken.
Auf der alltagshistorischen Ebene zeigt der Unterrichtsvorschlag, dass die illegalen Maßnahmen zur Nahrungsmittelbeschaffung eine wichtige Überlebensstrategie bildeten, auf die die Menschen im gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch destabilisierten System zurückgriffen. Dabei wird deutlich, dass die Hamsterfahrten rechtliche, physische und organisatorische Grenzen hatten. Im Vordergrund stehen hier Wahrnehmungen und Perspektiven der Menschen, die in diese Ereignisse involviert waren. Wirtschaftspolitische Aspekte können zwar im Vorfeld geklärt werden, sind aber für die Umsetzung des Unterrichtsvorschlages nicht erforderlich.
Auf der theoretischen Ebene erhalten die Lernenden einen Einblick, wie das kollektive Gedächtnis konstruiert wird. Das Thema Hamsterfahrten eignet sich dafür besonders gut, da erstens die Rezeption der Nahrungsmittelbeschaffung als prägendes Thema in der öffentlichen Wahrnehmung präsent ist und zweitens diese konkrete Form der Überlebensstrategie bei den Lernenden auf großes Interesse stößt. Dies erleichtert es ihnen, über das Thema als Topos in verschiedenen Textgattungen nachzudenken. Es bietet sich an, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie den wechselseitigen Einfluss dieser verschiedenen Erzählungen zu reflektieren:
  • Wo sind inhaltliche Überschneidungen?
  • Warum werden bestimmte Aspekte hervorgehoben, andere jedoch vernachlässigt?
  • Welche...

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