9. – 13. Schuljahr

Heike Wolter

Der Mauerbau im „Gedächtnis der Nation

Vom Umgang mit einem Zeitzeugenportal

Ein Datum, drei Erinnerungen:
  • „Frühmorgens um 7, werd ich nie vergessen, ich stelle Radio an, schöne Musik und plötzlich: Westberlin ist abgeriegelt. Ich denke: ‚Na, da können doch deine Eltern nicht mehr kommen.‘“ (Walter Gräz, Westberliner)
  • „Man glaubte es gar nicht, dass es möglich wäre, eine Stadt zu trennen. Und auf einmal kommen die großen Stacheldrahtrollen …“ (Marianne von Noricof, Ostberlinerin)
  • „Hier haben beide Seiten [UdSSR und USA] vereinbart: Es kann jeder in seiner Hemisphäre tun, was er will. (Fritz Schenk, Journalist, DDR-Flüchtling)
Die Verwendung von Zeitzeugenaussagen ist aus dem Geschichtsunterricht nicht mehr wegzudenken. Viele Lehrerinnen und Lehrer nutzen erzählte Geschichte in Form konservierter persönlicher Erinnerungen oder indem sie Zeitzeugen einladen. Vorwiegend geschieht dies bezogen auf die Zeit des Nationalsozialismus. Zunehmend rücken aber auch Ereignisse der jüngeren Vergangenheit in den Blick, darunter Erfahrungen des Lebens in der DDR. Der Mauerbau am 13. August 1961 ist ein besonderes Datum, denn viele Menschen erinnern sich auch viele Jahrzehnte später an ihr persönliches Erleben dieses historischen Datums.
Didaktisch-methodische Vorüberlegungen
Die Unterrichtsstunde befasst sich daher mit dem Mauerbau ein lehrplanrelevantes Thema mit großer Quellenauswahl, wobei viele dieser Quellen aufgezeichnete persönliche Erinnerungen sind. Letztlich ist das historische Ereignis für das eigentliche Anliegen der Stunde aber austauschbar. Es geht vielmehr um eine Auseinandersetzung mit Zeitzeugenaussagen und der Repräsentation von Zeitzeugen im Internet.
Bei der Arbeit mit aufgezeichneten Erinnerungen wird der Erzählende in Sprache, Bild und über Körperhaltung, Mimik und Gestik erlebbar. Er kann jedoch nicht direkt befragt werden und über das Filmmaterial hinausgehende Kontextualisierungen, Nachfragen und Verständigungen sind nicht möglich.
Damit wird so konstatiert Gerhard Henke-Bockschatz „das Dekonstruieren durch Analyse und Interpretation und durch Vergleich mit anderen Interviews und Darstellungen in anderen Medien noch wichtiger (Henke-Bockschatz 2014, 78). Ein besonderer Gewinn der Arbeit mit Zeitzeugenaussagen liegt in der multiperspektivischen Wahrnehmung des historischen Geschehens und der Personifizierung desselben. Dem sind aber Grenzen gesetzt, wenn „auf wenige Sätze reduzierte Interviewschnipsel benutzt werden und Lernende so nicht mehr erfahren „wie das Gespräch darauf kam, welche Rolle der Interviewer hierbei spielte und wie der Zeitzeuge sich an dem Thema ‚abarbeitete, d.h. wie er im Gespräch nach und nach seine Erzählung formte. (Henke-Bockschatz 2014, 79)
Der Beitrag beschäftigt sich mit dem inzwischen aufgelösten Portal „Gedächtnis der Nation, ein Projekt des Vereins „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation e.V., das von Guido Knopp und dem Journalisten Hans-Ulrich Jörges verantwortet wurde. Der dazugehörende YouTube-Trailer versprach: „Geschichte lebt durch Geschichten. Durch persönliche Erfahrungen und Erlebnisse. Der Verein hält die Erinnerungen von Zeitzeugen in Videointerviews fest und macht sie in einem Online-Archiv für jeden zugänglich. (gedaechtnisdernation.de 2013)
Der dazugehörige „Jahrhundertbus tourte monatelang durch Deutschland. Er schuf eine Plattform, Erinnerungen zu teilen. Der Ansatz fand ein breites mediales und wissenschaftliches Echo vor allem im Kontext der Geschichtswissenschaft wurde das Projekt kritisch gesehen (z.B. von Norbert Frei im Deutschlandfunk, Material 6).
Man kann sich also fragen: Geht das überhaupt ein Gedächtnis der Nation präsentieren? Was macht es aus, dieses Gedächtnis? Wie wird es erschaffen? Welche Rolle spielen darin persönliche Erinnerungen, also Zeitzeugenaussagen oder „Geschichte durch Geschichten? Solche Fragen erinnern an die Forschungen von Jan und Aleida Assmann zum...

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