5. – 13. Schuljahr

Analyse von Zeitzeugenaussagen im Fernsehen

Diese Checkliste dient der Auseinandersetzung mit Zeitzeugenaussagen in TV-Formaten, vor allem in Dokumentationen. Sie lässt sich aber auch als Impuls zur Analyse von videografierten Interviews oder Interviewschnipseln aus dem Internet einsetzen.
1.) Zur Person des Zeitzeugen
Bei Fernseh-Zeitzeugen wird neben dem Namen meist noch eine Berufsbezeichnung und/oder eine Bezeichnung ihrer einstigen Stellung eingeblendet.
  • Prüfen Sie, warum gerade diese Personen ausgewählt wurden: Weil sie Personen des öffentlichen Lebens sind oder weil sie unmittelbare Zeugen eines Ereignisses waren?
  • Versuchen Sie herauszufinden, ob sich die einzelnen Fernseh-Zeitzeugen einer Sendung Ihrer Auswahl ergänzen (hinsichtlich politischer Ausrichtung, sozialer Status, Berufsgruppe, Geschlecht etc.).
  • Diskutieren Sie, inwieweit die Zeitzeugen wegen ihrer einstigen Position unter Rechtfertigungsdruck stehen.
2.) Der Fragekontext
Die Fragestellung entscheidet oftmals darüber, wie interessant, offen und ehrlich die Antworten sind:
  • Überprüfen Sie, wie frei die Zeitzeugen bei ihren Antworten assoziieren können: Gibt es enge Sachfragen, die eventuell Antworten bereits vorgeben, oder entsteht ein freies Gespräch, das vielleicht auch Unterbewusstes verrät?
  • Kontrollieren Sie, ob die Frage tatsächlich auf die persönliche Erfahrung des Zeitzeugen abzielt.
  • Kontrollieren Sie die äußeren Umstände, die das Zeitzeugen-Gespräch beeinflussten: Wie lange liegt das Ereignis zurück?
  • Erörtern Sie, welche Fragen Sie dem Zeitzeugen gestellt hätten.
3.) Zum wörtlichen Inhalt
Ob bewusst oder unbewusst: Gerade vor der Fernsehkamera verklären Zeitzeugen noch stärker als sonst. Auch wenn keine „Wahrheit ermittelt werden kann, gilt es, den Inhalt kritisch zu prüfen.
  • Resümieren Sie, wovon der Zeitzeuge berichtet (Ereignisse, Gedanken, Eindrücke, Gefühle, Atmosphäre etc.) und wie er dies aus seiner heutigen Situation heraus bewertet.
  • Überlegen Sie, in welchem Verhältnis seine Antwort zu der Frage steht. Wo weicht er aus, was wird ausgespart, wo zieht er sich auf allgemeine Stereotype zurück?
  • Lässt sich die Antwort als subjektive Wahrnehmung nachvollziehen oder wirkt sie wie eine nachträgliche Verklärung?
4.) Zum nicht-sprachlichen Inhalt
Zeitzeugen-Aufnahmen verraten oftmals mehr als den reinen Wortlaut:
  • Welche Emotionen werden erkennbar? Versuchen Sie, die Mimik der Personen zu deuten.
  • Diskutieren Sie, inwieweit die Wortwahl, Gestik und der gesamte Habitus des Zeitzeugen als Quelle zu deuten ist.
  • Falls die Aufnahmen in der Wohnung des Zeitzeugen gemacht wurden: Überlegen Sie, ob die Einrichtung etwas über die Person verrät.
5.) Zur Rolle des Zeitzeugen in der Dokumentation
Zeitzeugen sind meistens nur ein Baustein in der Gesamtkomposition einer Dokumentation:
  • Vergleichen Sie, ob der Beitrag durch andere Filmbestandteile oder Zeitzeugen kontrastiert, ergänzt oder korrigiert wird.
  • Prüfen Sie, welche Funktion die eingespielte Sequenz haben soll.
  • Diskutieren Sie abschließend, welche besonderen Erkenntnisse die Zeitzeugenaussagen im Vergleich zu anderen Quellen bringen.
© Frank Bösch
Checkliste entnommen aus:
Bösch, F.: Historikerersatz oder Quelle? Der Zeitzeuge im Fernsehen. In: Geschichte lernen: Oral History, Heft 76 (2000), S. 62 – 65, hier S. 64.

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