5. – 13. Schuljahr

Gerhard Henke-Bockschatz

1968

Vor 50 Jahren: Freiheitsrausch und Fundamentalkritik

Die öffentliche Erinnerungsmaschinerie nimmt sich 2018 auch des 50 Jahre zurückliegenden Protestjahrs 1968 an. Als Zeitzeugen fungieren dabei diejenigen, die um 1968 zwischen 20 und 30 Jahren alt waren (und damals keinem über 30 trauen wollten). Sie sind heute im Ruhestand, nicht wenige sind schon verstorben. Altersmäßig gehören sie zur Großelterngeneration heutiger Schülerinnen und Schüler. Viele haben den Ideen von 1968 längst ganz oder teilweise abgeschworen, mögen nicht mehr an die merkwürdigen alten Parolen und an die aufgeregten Diskussionen erinnert werden. Sie haben sich „weiterentwickelt, beruflich und politisch, sind arriviert, gehören nun zu eben dem Establishment, das sie einst verabscheuten. Manche bedienen das Klischee vom erfolgreichen Ex-Revoluzzer, der sich nach dem Secondo bei einem Glas Barolo abgeklärt-nostalgisch an die eigene ehemalige Radikalität und Nonkonformität erinnert.
„1968 steht als Chiffre für den Höhepunkt der außerparlamentarischen Jugendrevolte in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre. Auf die Bundesrepublik bezogen also für die Zeit von den Protesten gegen den Schahbesuch und der Erschießung Benno Ohnesorgs über die Unruhen in der Folge des Attentats auf Rudi Dutschke 1968 bis zu dem Zerfall des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) Ende 1969. Ungefähr zur selben Zeit rebellierten junge Menschen in vielen anderen Ländern auf dem Globus, im kapitalistischen Westen und im sozialistischen Osten, in den Metropolen und an der Peripherie. „1968 war ein transnationales Phänomen, mit jeweils unterschiedlichen nationalen Ausprägungen oder Schwerpunkten. Diese Akte des Aufbegehrens waren wiederum eingebettet in die politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Umbrüche der 1960er- und 1970er-Jahre, der Zeit vom Beginn der Entspannungspolitik bis zur konservativ-neoliberalen Wende ab ca. 1980.
„Emanzipation als Kernforderung
Bei den mit „1968 bezeichneten historischen Phänomenen handelt es sich im Kern um ein Bündel weltweit (aber längst nicht überall auf der Welt) anzutreffender sozialer Bewegungen, die von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, hauptsächlich Studierenden, getragen wurden. Ihnen ging es auf sehr unterschiedliche Art um die individuelle und kollektive Emanzipation von gesellschaftlichen Zwängen und Abhängigkeiten. Sie störten sich an den Diskrepanzen zwischen propagierten demokratisch-humanistischen Idealen und dem realen Handeln der politischen und gesellschaftlichen Eliten, deren Glaubwürdigkeit damit erschüttert wurde. Es ging um die Beendigung der kolonialen Vorherrschaft, der Rassendiskriminierung, von sexueller Verklemmtheit, von ökonomischer Ausbeutung, von manipulativer Pressemacht, von Ignorierung und Verdrängung früheren Unrechts etc.
Solche speziellen Anliegen wurden mal mehr, mal weniger als ähnlich eingeschätzt, als Ausdruck eines allgemeinen Dranges nach politischer, sozialer und individueller „Befreiung. Dieser Drang fand seinen Ausdruck unter anderem in griffigen Parolen wie „Il est interdit dinterdire und „Sous les pavés, la plage (Frankreich, Mai 1968). Er wurde kulturell gespiegelt und bebildert, z.B. in Filmen wie „Easy Rider (1969) oder in Songs wie „Motherless Child (1969 von Richie Havens in Woodstock gesungen) und „Me and Bobby McGee (1969), komponiert von Kris Kristofferson/Fred Forster, am berühmtesten in der Version von Janis Joplin (1970). Unter der Parole „Das Private ist politisch richtete sich die emanzipatorische Bewegung schon bald auch auf das Privatleben, z.B. wenn die entstehende Frauenbewegung die tradierten Geschlechterrollen in Frage stellte. In neuen Lebensformen des gemeinsamen Arbeitens und Wohnens versuchte man die Enge und Spießigkeit bürgerlicher Ehe- und Familienverhältnisse zu überwinden. Zum Gefühl der neuen Freiheit gehörte nicht zuletzt auch die Sphäre von „Sex and Drugs and Rock...

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