5. – 13. Schuljahr

Martin Bergmeister/Georg Langen

Konsolidieren in Bewegung

Eine Treppenhausübung

Die moderne Hirnforschung hat in zahlreichen Publikationen die Bedeutsamkeit von Bewegung und ihre besondere Wirksamkeit für ein nachhaltiges Lernen durch konsolidierendes Üben, Sichern und Wiederholen nachgewiesen (z.B. Walk 2011). Auch in die Didaktik im Allgemeinen (Anrich 2000 – 2003; Gasse 2011) und in die Geschichtsdidaktik im Besonderen (Müller/Kösser 2014) haben diese Erkenntnisse bereits Eingang gefunden.
Bitte mehr Bewegung!
Die zentrale neurobiologische Erkenntnis besteht darin, dass Bewegung eine essentielle Voraussetzung für den biologischen Steuerungsprozess des Lernens darstellt. Hinzu kommen motivationale Effekte, die sich vor allem auf die Konzentrationsfähigkeit, Lerndisziplin und -freude positiv auswirken. Gerade die letztgenannten Aspekte sind mit Blick auf die Bedeutung von Wiederholungs- und Übungsphasen für leistungsschwächere Lernende interessant. Für die komplexen Lernanforderungen des Faches Geschichte eröffnen die Wechselwirkung von körperlicher Aktivität und Kognition zudem zahlreiche Optionen, die je nach lernpsychologischen Entwicklungsphasen und -niveaus bzw. didaktischen Schwerpunktsetzungen variieren können.
Im Fachunterricht Geschichte finden allerdings trotz des anerkannten Bedarfs auf Bewegung ausgerichtete und entsprechend didaktisch gesteuerte Lernprozesse eher selten Eingang in die praktische Unterrichtskultur. Vor allem der durch Stofffülle hervorgerufene häufige Zeitmangel erscheint als Hemmschuh. Dies wird dadurch verstärkt, dass Gelegenheiten für einen bewegt gestalteten Unterricht scheinbar kaum vorhanden sind. In Anbetracht des potentiellen Nutzens sollten Bewegungsanlässe jedoch verstärkt und mit bewusst gewählter (geschichts-)didaktischer Fokussierung in unterrichtliche Prozesse integriert werden.
Aus didaktischer Sicht kommt dem Üben, Sichern und Wiederholen von Unterrichtsinhalten in der Regel am Ende von durchgeführten Sequenzen oder Reihen ein besonderer Stellenwert zu. Hier sollen die gelernten Kompetenzen mittel- und bestenfalls langfristig in den Wissensspeicher der Lernenden überschrieben und damit für schulisches sowie Alltagshandeln nutzbar gemacht werden. Nur wenn dieser Schritt in Form einer funktionalen Gelenkstelle in den Lernprozess integriert wird, gelingt nachhaltiges Lernen.
Üben im Treppenhaus
Die „Treppenhausübung hat sich zur Wiederholung vorgegebener Kompetenzbereiche als ertragreiches und arbeitsökonomisches Aufgabenformat bewährt, das sich vor allem durch folgende Merkmale auszeichnet:
  • Kontextualisierung und Vernetzung von historischem (Sach-)Wissen,
  • Anregung zum Aufbau und zur Entwicklung narrativer Kompetenz,
  • Vertiefung und Ausdifferenzierung historischer Urteilsbildung.
Die von den Schülerinnen und Schülern in der Übung zunächst vorzunehmende Hierarchisierung der vorgegebenen historischen Sachverhalte kann mit unterschiedlicher Zielsetzung genutzt werden. Im Bereich des (Sach-)Wissens bietet sich die Darstellung/Rekonstruktion (erlernter) chronologischer Abläufe an. So können zum Beispiel die wichtigsten Stationen der „Julikrise des Jahres 1914 am Fuß der Treppe beginnend mit dem Attentat auf das Thronfolgerpaar und mit der Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland auf der höchsten Stufe endend rekonstruiert werden (siehe Material 2).
Steht die Urteils-/Reflexionskompetenz im Mittelpunkt, so stellt die ansteigende Treppe die Möglichkeit bereit, die Bedeutung von Ereignissen/Strukturen in historischen Kontexten darzustellen. Als Beispiel hierfür kann die Beseitigung des Rechtsstaats im Rahmen des Prozesses der sogenannten „Gleichschaltung 1933/34 dienen (siehe Material 1). Die auf diesen Gegenstand bezogene und in der Material-Überschrift vorgeschlagene problemorientierte Fragestellung fordert eine differenzierte Sachurteilsbildung heraus.
Es ist auch eine Werturteilsbildung im Rahmen der Treppenhausübung möglich. Bei...

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