10. – 13. Schuljahr

Aus „jugendlichem Übermut wird eine „nationale Tat

Darstellungen des Wartburgfestes in deutschen Schulbüchern

Zum 200. Mal jährt sich 2017 das erste Wartburgfest. Damit rückt die Burg bei Eisenach als Erinnerungsort, Nationaldenkmal und UNESCO-Weltkulturerbe (Münkler 2015, S. 303) einmal mehr in den Fokus öffentlicher Wahrnehmung.
Für den 18.Oktober1817 hatten Studenten der Burschenschaft Jena „ihre Kommilitonen aus allen protestantischen deutschen Universitäten zu einem Fest auf der Wartburg (Reichel 2007, S. 17) eingeladen. Anlass waren eine 300-jährige Reformationsfeier und der vierte Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht. Sie wollten so aber auch ihrem Willen nach einem geeinten und freien Deutschland und ihrem Protest gegenüber den Beschlüssen des Wiener Kongresses Ausdruck verleihen. Wohl über 500 Studenten erschienen. Nachdem sie tagsüber Reden und Kundgebungen in der Burg gehört hatten, zogen sie am Abend nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung auf den nahe gelegenen Wartenberg, wo im Gedenken an die Völkerschlacht bei Leipzig „Siegesfeuer brannten. Im weiteren Verlauf wurden dort Makulaturballen angezündet und mit dem Ausruf von Buchtiteln begleitet, die sie der Reaktion zuordneten.
Diese Handlungen nahmen mehrere deutsche Staaten zum Anlass, die Burschenschaften zu verbieten (Hein 2016, S. 31). Auch auf die spätere Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue durch den auf dem Fest anwesenden Studenten Karl Ludwig Sand und die darauffolgenden Karlsbader Beschlüsse ist die Aufmerksamkeit, die das erste Wartburgfest erhalten hat, zurückzuführen. Für die Epoche des Vormärz stellt das Ereignis einen Meilenstein dar, da hier die Einheits- und Freiheitsbewegung und mit ihr die tiefe Enttäuschung und der Zorn über die Restauration offenbar wurden. Zudem traten die Burschenschaften als Träger eines deutschen Nationalismus öffentlich in Erscheinung.
Idee des Beitrags
In Geschichte lernen 149 hat Richard Rongstock mit seinem Entwurf zum Hambacher Fest (Rongstock 2012) ein Beispiel gegeben, wie Lernende im Geschichtsunterricht anhand eines Vergleichs von Darstellungen zu einem Ereignis in deutschen Schulbüchern aus verschiedenen politischen Systemen Dekonstruktionskompetenz erlangen bzw. einüben können. Der vorliegende Unterrichtsvorschlag knüpft an seine Ideen an und überträgt sie in abgewandelter Form auf Schulbuchtexte zum ersten Wartburgfest von 1817.
Aus mehreren Gründen erscheint ein solches Vorgehen sinnvoll: „Was im Schulgeschichtsbuch steht, stellt für die Schülerinnen und Schüler die Wahrheit dar, so fasst Nicola Brauch (Brauch 2015, S. 105) zusammen. Damit nennt sie ein ernstzunehmendes Arbeitsfeld, da Medienkompetenz inzwischen eine Schlüsselkompetenz ist, ohne die Lernende in einer dynamischen Informationsgesellschaft kaum noch Orientierung finden.
Dabei bietet das Fach Geschichte genügend Anlässe, über Medien und damit auch über die Konstruktion von Geschichte ins Gespräch zu kommen. Darstellungen aus Geschichtsbüchern des 20. Jahrhunderts eignen sich hierbei aus zwei Gründen. Gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der „es kaum andere Materialien in der Schule gab, war das Schulbuch [] das Leitmedium des Unterrichts (Weiß 2015, S. 15) und so stellen Geschichtsbücher „die wichtigsten Quellen, die zum Geschichtsunterricht Auskunft geben dar (Weiß 2015, S.23f.). Zweitens garantiert die verhältnismäßig hohe Zahl an Systemtransformationen im deutschsprachigen Raum eine Unterschiedlichkeit der Darstellungen, was z.B. für die vorliegende Unterrichtsdramaturgie von Vorteil ist.
Vor diesem Hintergrund kann die Dekonstruktion der Texte Lernende dazu befähigen, mit Informationen verschiedenster Art kritisch umzugehen und sich bewusst zu machen, dass Autoren hinter Worten stecken, die in manchen Fällen eine Intention, auf jeden Fall aber eine Perspektive haben. Dass Zulassungen von Schulbüchern von staatlichen Stellen abhängen, ließe sich ebenfalls...

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