11. – 13. Schuljahr

Sebastian Schmitt‚Wilde und ‚Zivilisierte

Sully, Neytiri und TsuTey in Avatar Aufbruch nach Pandora (2009)

Es ist bald soweit: Mit Avatar 2 hat Kino-legende James Cameron die Fortsetzung des rekordbrechenden Science-Fiction-Films Avatar Aufbruch nach Pandora angekündigt. Als dieser Film 2009 in die Kinos kam, staunten zahllose Zuschauer über die Wunder der 3D-Filmtechnik. Was aber technisch im neuesten Gewand daherkam, erzählte eine alte Geschichte. Es war offenkundig, dass sich die Filmemacher reichlich in jenem düsteren Kapitel der transatlantischen Geschichte bedienten, in dem europäische Eroberer und Seuchen den präkolumbianischen Zivilisationen den Untergang gebracht hatten.
Insofern ist Avatar als populäres Zeugnis von Geschichtskultur ein geeigneter Gegenstand für den Unterricht. Denn die im Film angelegten Stereotypen sind leicht zu entdecken und bieten das Potenzial für eine reflektierte Dekonstruktion. Der exemplarische Charakter von ‚Avatar erschöpft sich aber nicht nur in der einseitigen Darstellung des ‚Indianers, sondern gerade der Vergleich mit frühneuzeitlichen Quellen mag zu der Erkenntnis führen, dass sich das Eigene und das Fremde in der abgrenzenden Differenz zueinander konstituieren. Der ‚Wilde, sei er dargestellt als kannibalisches Zerrbild europäischer Gewaltvorstellungen oder als romantisiertes Gegenbild zu Europa, diente als Projektionsfläche für die Träume und Fantasien der „Alten Welt. Damit ist neben der Analysekompetenz der Schülerinnen und Schüler vor allem ihre Sachurteilskompetenz gefragt. Inhaltlich fügt sich das Konzept also in eine Unterrichtsreihe zur kulturellen Begegnung in der „Neuen Welt ein, wie sie in vielen Oberstufenlehrplänen vorgesehen ist. Die Unterrichtseinheit umfasst vier Stunden und kann sowohl als Auftakt der Reihe als auch später eingesetzt werden.
Die Konstruktion des ‚Wilden
Die frühneuzeitlichen Europäer, die seit Kolumbus Fuß auf den amerikanischen Kontinent setzten, ordneten das Fremde in ihre existierenden Weltbilder ein. Viele erblickten in der ‚Neuen Welt einen Garten Eden oder ein goldenes Zeitalter, in dem der Mensch zwar „unzivilisiert, aber dafür in Harmonie mit seinen Mitmenschen und der Natur gelebt habe völlig frei von der Last des Sündenfalls. Die existenziellen Sorgen und schädlichen Laster des „zivilisierten Menschen seien gemäß dieser Vorstellung in der „neuen Welt unbekannt gewesen. Urs Bitterli erkennt in dieser Paradiessehnsucht ein ideologisches Fundament der transatlantischen Expansion, das sich mit den wirtschaftlichen und missionarischen Intentionen der Eroberer symbiotisch verband (Bitterli 2004, S. 378). Auch die Repräsentation der indigenen Völker wurde in die eigenen Weltbilder eingefügt und den eigenen Zielen untergeordnet. Dabei lassen sich zwei Stereotypen unterscheiden: Der rückständige ‚Barbar und der ‚edle Wilde. Der ‚Barbar schrieb dem ‚Wilden animalische Züge zu und diente primär der europäischen Selbstbestätigung. Der Kannibale ist ein typisches Beispiel dieser Vorstellung, denn bis ins 18. Jahrhundert hinein war die Anthropophagie ein bevorzugtes Thema sensationslustiger Reiseberichte. Im Unterschied dazu erhob der Stereotyp vom ‚edlen Wildeden primitiven Charakter zur Tugend: Romantisch verklärend beschwor dieser Stereotyp ein anspruchsloses Leben in vermeintlicher Besitzlosigkeit, in Unschuld und in sozialer bzw. ökologischer Harmonie kurzum ein ruhiges und genügsames Leben im Einklang mit den Mitmenschen und der Natur. Der ‚edle Wilde verkörperte also jene Paradiessehnsucht, die viele Europäer auf die ‚Neue Welt und deren Bewohner projizierten. Derartige Stereotypen des ‚Wilden bildeten somit eine ideologische Grundlage der kommerziellen und missionarischen Aktivitäten der Europäer, denn so wurde ein Überlegenheitsanspruch legitimiert, der vor allem auf drei Säulen ruhte: der kommerziellen Dienerrolle der Kolonie, dem kulturellen Sendungsbewusstsein der Alten...

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