8. – 10. Schuljahr

Gerd Behrens

Vom ‚edlen Polen zum heimtückischen Wilden

Polenstereotype im Wandel deutsch-polnischer Beziehungen

Die deutsch-polnischen Beziehungen bis zum Zweiten Weltkrieg waren meist durch einen tiefen Antagonismus gekennzeichnet. Als Tiefpunkte können beispielsweise die Teilungen Polens 17721795, die Polenrede Wilhelm Jordans 1848 in der Paulskirche und die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gesehen werden. Dazwischen gab es jedoch auch kurze Phasen, in denen die beiden Völker positivere Beziehungen pflegten, wie in der Zeit der deutschen Polenfreundschaft nach dem Aufstand im russischen Teilungsgebiet 1831.
Das Polenbild wird hier verstanden als eine Zusammensetzung verschiedener deutscher Heterostereotypen über Polen, die im nationalen Gedächtnis vorrätig sind. Sie können durch ihre narrative Ausgestaltung so variiert werden, dass sie entweder eine positive oder negative emotionale Ladung erfahren. Das Bild vom jeweils anderen kann sich folglich den sich verändernden gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen anpassen.
Dies lässt sich am Beispiel des Bildes zeigen, das sich die Deutschen vom ‚Polen zwischen 1831 und 1848 machten. Solange die Polen während des Aufstandes von 1830/31 insbesondere von den Liberalen als Verbündete im Kampf gegen die Obrigkeit gebraucht werden, können die Stereotypen vom mutigen ‚polnischem Draufgängertum und ‚edlen Polen in den Vordergrund treten. Beide erfahren eine positive Aufladung. Als es 1848 wegen der Provinz Posen zum Interessenkonflikt zwischen Deutschen und Polen kommt und das ‚polnische Draufgängertum sich gegen deutsche Interessen richtet, bekommt das Stereotyp eine negative Färbung. Aus den ‚Draufgängern werden blutrünstige Wilde. Der ‚edle Pole, der für sein Vaterland kämpft und darum trauert, wird nun überlagert vom Stereotyp der ‚polnischen Wirtschaft. Dieses Stereotyp steht insbesondere für Unordnung und Misswirtschaft beinhaltet aber auch den Aspekt ‚Adelswirtschaft und neutralisiert die positive Figur des ‚edlen also adligen Polen.Dieser Stereotypenwandel, insbesondere bekanntgeworden durch die Polenrede Wilhelm Jordans, verweistauf einen radikalen Wandel in der Einstellung der liberal gesinnten Deutschen zur Polenfrage. Der massive Einsatz negativer Polenstereotypenin dieser Rede kann auch als Rechtfertigungsstrategie dafür verstanden werden, jene Polen, die 1831 nach dem Verständnis der deutschen Liberalen „für unsere und eure Freiheit in den Krieg gezogen waren, den eigenen Interessen zu opfern. In der Darstellung von Jordan erscheinen sie schlicht als unfähig, sich selbst zu regieren, also unwürdig, ihre Freiheit auszuleben.
Didaktische Überlegungen
Das vorliegende Unterrichtsbeispiel bietet die Möglichkeit, Schülerinnen und Schülern exemplarisch die Funktion nationaler Stereotypen näherzubringen. Dabei geht es vor allem um die Wandelbarkeit von Stereotypen, die sich den wechselhaften deutsch-polnischen Beziehungen anpassen. Am Beispiel von Wilhelm Jordans Polenrede wird zudem die Spiegelbildlichkeit von Auto- und Heterostereotypen bearbeitet. Die Schülerinnen und Schüller lernen hierbei zum einen, dass die Vorstellungen, die Völker voneinander haben, von sich ändernden historischen Kontexten abhängen. Zum anderen lernen sie, dass Stereotypen kaum etwas über die Zielgruppe aussagen, sondern vielmehr auf die Stereotypennutzer zurückweisen.
Das vorliegende Beispiel kann einen Schritt auf dem Weg zu einem tieferen Verständnis der Funktion von Stereotypen darstellen: Anhand der Polenrede Wilhelm Jordans kann herausgearbeitet werden, dass Stereotypen auch zur Rechtfertigung des eigenen Handelns dienen, dies gilt insbesondere im Kontext politischer Propaganda. In dem Fall steht der offensichtliche Nutzen von Stereotypen zur Mobilisierung im Vordergrund. Im Zusammenhang mit der Propaganda des Ersten Weltkrieges (zum Beispiel mittels des Beitrags von Steffen Barth im vorliegenden Heft) kann diese Funktion von Stereotypen...

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