10. – 13. Schuljahr

Sebastian Jendt

Tim und Struppi vor Gericht

Imperialismus und rassistische Stereotype im Comic

„Als ich [] ‚Tim im Kongo zeichnete, war ich voll von bourgeoisen Vorurteilen der Zeit, in der ich lebte [] 1930 wußte ich nichts vom Kongo als das, was sich die Leute damals erzählten: ‚Die Neger sind wie große Kinder [] Ein Glück für sie, daß es uns gibt usw. Und nach diesen Kriterien habe ich die Afrikaner gezeichnet, in dem rein paternalistischen Geist, der zu dieser Zeit in Belgien herrschte (zit. n. Näpel 2011, S. 270). Mit diesen Worten beschreibt Hergé rückblickend seine Geisteshaltung zu seinem Frühwerk. Bei Tim im Kongo handelt es sich um eine episodenhaft erzählte, aus dem Jahr 1930/31 stammende Auftragsarbeit für Abt Norbert Wallez, dem Herausgeber der erzkatholischen Zeitschrift Le Vingtième Siècle. Den jungen Lesern sollte in der Kinderbeilage Le Petit Vingtième das „segensreiche Wirken der Belgier in den afrikanischen Kolonien vermittelt werden.
Tim im Kongo im historischen Kontext
Der historische Kontext sowie die Geschichtskultur in Belgien sind zum Verständnis des Comics von zentraler Bedeutung. Ab 1885 befand sich der Kongo im persönlichen ‚Privatbesitz‚des belgischen Königs Leopold II., unter dessen Herrschaft bis zu zehn Millionen Menschen infolge von Willkür, Sklaverei und Zwangsarbeit ihr Leben verloren. Als die Gräueltaten öffentlich bekannt wurden, musste die Kolonie nach einer weltweit geführten Debatte 1908 an den belgischen Staat überführt werden. Belgien war eine konstitutionelle Monarchie. Auch wenn sich die Bedingungen für die Kongolesen etwas verbesserten, wurde das Land weiter unter belgischer Verwaltung ausgebeutet, bis es 1960 formal seine Unabhängigkeit erlangte. Lange Zeit gab es in Belgien keine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialgeschichte. Noch heute existieren Schulbücher, in denen Leopold einseitig als Modernisierer des Landes und sogar Befreier aus der Sklaverei dargestellt wird. Hergés Comic ist im Horizont dieser belgischen Geschichtspolitik zu verstehen. Der Geschichtsdidaktiker Oliver Näpel verdeutlicht die damit einhergehende Problematik: „Es ist zudem wichtig, dieses Werk zeitgenössisch zu interpretieren, also die belgische Kolonialgeschichte wie auch die öffentliche Wahrnehmung zur Entstehungszeit des Werkes zu berücksichtigen. [] Letztlich erklärt dies die bis heute andauernden, unveränderten bzw. unkommentierten Nachdrucke des Bandes aber ebenso wenig, wie die Tatsache, dass Hergés ‚Überarbeitungen allenfalls als oberflächliche Abschwächungen und in keinem Fall als Aufhebung der rassistischen Verzeichnungen gesehen werden können (Näpel 2011, S. 276).
Aufgaben und Erwartungshorizont
Aufgaben und Erwartungshorizont
Q1/Q2
1. Analysiere die Karikatur MQ1.
  • Motiv: Wirtschaftliche „Auspressung bzw. Ausbeutung der Kolonien durch die Europäer.
  • Mittel: Gewalt, Betäubung durch Alkohol, religiöse Indoktrination.
  • Intention: satirische Kritik am Kolonialsystem.
  • Anmerkung: Bei der Beschreibung sollte besonders die Identifikation der beiden Personen rechts sowie das Betäubungsmotiv durch Alkohol herausgestellt werden, da sich für die Lernenden ein Wiedererkennungswert in der Analyse der weiteren Materialien ergeben kann.
2. Beschreibe das Titelbild zu Tim im Kongo (Q2).
  • Harmonisches Beziehungsverhältnis zwischen Tim (als Repräsentant der Kolonialherren), dem Einheimischen (sanftes Lächeln der Protagonisten) sowie der Natur bzw. Tierwelt.
  • Technologischer Fortschritt dargestellt durch das Automobil und Filmequipment.
Q3a – c
1. Analysiere die Darstellung der einheimischen Bevölkerung bezüglich Sprache und Aussehen. (Einzelarbeit)
  • Die Kongolesen werden als arbeitsscheu und behäbig dargestellt, einer korrekten Sprache und Syntax nicht fähig.
  • Mit Stolz tragen sie europäische Kleidung, was auf den Betrachter verstörend peinlich wirkt. Krawatte und Kragen werden auf nacktem Oberkörper angelegt. Auch ein Pelzmantel scheint in...

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