11. – 13. Schuljahr

Manuela Homberg

Exotisches Vergnügen

Völkerschauen im Deutschen Kaiserreich eine Stereotypenanalyse

Das Interesse an Menschen aus weit entfernten Erdteilen ist wohl nie zuvor so groß gewesen, wie zur Blütezeit des Kolonialismus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bevölkerten Bilder ‚exotischer Menschen Romane, Zeitungen und Zeitschriften genauso wie die Reklame- und Sammelbilder populärer Markenprodukte. Gleichzeitig kam die kommerzielle Ausstellung von Fremden auf Volksfesten, in Zoologischen Gärten und auf Welt- und Kolonialausstellungen in Mode. Zwischen 1870 und 1940 fanden allein in Deutschland mehr als 300 solcher Völkerschauen statt, die ca. 60.000 Besucher pro Tag anzogen (Dreesbach 2005, S. 11). Dieser große Erfolg ist auch darauf zurückzuführen, dass Völkerschauen stereotype Vorstellungen des Publikums aufgriffen. Die Historikerin Anne Dreesbach beschreibt das Wechselspiel zwischen Publikumserwartungen und Inszenierung als einen „Stereotypenkreislauf, der durch die beständige Aktualisierung und Reproduktion bereits vorhandener Bilder am Laufen gehalten wurde (Dreesbach 2005, S. 14). In Literatur, Film und Fernsehen, aber auch in den Hochglanzbroschüren heutiger Tourismusanbieter, sind solche Mechanismen noch immer zu beobachten.
Curriculare Einordnung
Das Thema eignet sich für den Unterricht in der gymnasialen Oberstufe. Es fügt sich ein in ein Unterrichtsvorhaben der Einführungsphase zu Erfahrungen mit dem Fremdsein in weltgeschichtlicher Perspektive, ist aber auch relevant für die Beschäftigung mit der Kolonialgeschichte in der Qualifikationsphase.
Vorausgesetzt wird ein allgemeines Wissen über die zunehmende Vernetzung der Welt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aus der sich angetrieben von Industrialisierung und Imperialismus ein gesteigertes Interesse am Fremden ergab. Die Völkerschauen lenken dabei den Blick auf die Fantasiewelten in der Metropole als Rückseite der handfesten imperialen Machtbestrebungen Deutschlands in Afrika, China und dem Pazifik. Durch die Erarbeitung und Diskussion von zeitgenössischen Beschreibungen der Völkerschauen wird die Analyse- und Urteilskompetenz der Lernenden gefördert und zugleich auf Kontinuitäten und Brüche zwischen vergangenen und gegenwärtigen Stereotypisierungen des Fremden verwiesen.
Sachanalyse
Die Etablierung von Völkerschauen als bürgerliches Freizeitvergnügen ist eng mit dem Namen des Tierhändlers und späteren Zoodirektors Carl Hagenbeck verbunden. Nach dem Erfolg seiner ersten ‚Lappländerschau im Jahr 1875, die durch verschiedene Städte Deutschlands tourte, dominierte er die Branche. Dabei erwies es sich als Erfolgsrezept, mit der Authentizität der ausgestellten Menschen und ihrer Gebräuche zu werben. Wissenschaftliche Gutachten, die den Programmheften beigegeben wurden, sollten dabei ebenso den seriösen Charakter der Events verbürgen, wie die Wahl des Veranstaltungsortes.
Orte der bürgerlichen Wissensvermittlung, insbesondere Zoologische Gärten, lösten gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend die Jahrmarkts- und Messebuden ab, wo fremde Eth-nien schon lange zuvor als exotische Sensationen ausgestellt worden waren (Staehelin 1993, S. 30-32).
Klischee versus Authentizität
Die ‚Verbürgerlichung der Ausstellungspraxis bedeutete jedoch keinesfalls, dass auf klischeehafte Inszenierungen gänzlich verzichtet wurde. Die Veranstalter versuchten in der Regel durchaus, an die bereits vorhandenen Fremdbilder der Besucher anzuknüpfen und gerade hierdurch den Eindruck zu erwecken, einen möglichst unverfälschten Eindruck in die fremden Lebenswelten zu vermitteln. Welch seltsame Blüten diese Praxis treiben konnte, wird mit Blick auf Hagenbecks „Bella-Cool-Schau deutlich, bei der die Stereotype der Zuschauer ausnahmsweise nur unzureichend bedient wurden. Die engagierten amerikanischen Ureinwohner führten verschiedene Tänze und einen Feuertrick aus ihrer Heimat vor, die bis auf wenige Abweichungen als...

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