10. – 13. Schuljahr

Steffen Barth

Deutsche Kriegsgräuel 1914

Propaganda oder Wirklichkeit?

Bei der deutschen Invasion in Belgien und Frankreich zu Beginn des Ersten Weltkrieges im August und September 1914 wurden von deutschen Soldaten Gräuel an der dortigen Zivilbevölkerung begangen. Dabei kamen ca. 5100 belgische und ca. 900 französische Zivilisten zu Tode.
Das Massaker von Tamines 1914
Ein besonders brutales Beispiel ist das Massaker in Tamines, einer Kleinstadt in Belgien, die heute Sambreville heißt. Dort wurden zwischen dem 21. und 23. August 1914 Zivilisten gedemütigt, geschlagen und schließlich auf brutalste Art und Weise 383 Menschen getötet (Horne/Kramer 2004, S. 65), die meisten davon durch eine Massenerschießung. Die deutschen Soldaten rechtfertigten ihr Handeln damit, zuvor von belgischen Zivilisten heimtückisch angegriffen worden zu sein, und argumentierten, dass ihnen Geschichten bekannt seien, wonach Kameraden verstümmelt oder vergiftet wurden. Demnach waren die Massaker Ausdruck von Selbstschutz und Vergeltung für vorangehende Gewalt gegen die deutschen Soldaten.
Die beiden Historiker John Horne und Alan Kramer untersuchten die Geschehnisse 2001 in einer umfangreichen Monographie und konnten nachweisen, dass es 1914 keine Beteiligung an Kämpfen von Seiten der belgischen Zivilbevölkerung gab (Horne/Kramer 2004, S. 618). Damit stellt sich die Frage, wie die Soldaten zu ihrer Rechtfertigung kamen und wie glaubwürdig diese ist. Wenn es entgegen der Behauptungen der Soldaten keine Nachweise für Angriffe von Zivilisten gab, wie erklärt sich dann ihr brutales Verhalten? Handelt es sich um Schutzbehauptungen, um die eigene Brutalität zu verschleiern? Aber liegt dann nicht der Schluss nahe, dass es sich bei den Soldaten um menschliche Bestien mit einem tiefsitzenden Vernichtungswillen handelte?
Horne und Kramer kommen zu einem anderen Schluss. Sie führen das brutale Verhalten, neben situativen Rahmenbedingungen, zu einem erheblichen Teil auf die Erwartungen und insbesondere auf die Vorstellung der Soldaten zurück, dass belgische und französische Zivilisten heimtückisch und brutal gegen deutsche Soldaten vorgingen. Daraus leiteten die Soldaten dann die Notwendigkeit ab, mit aller Härte auch gegen Zivilisten vorzugehen (Horne/Kramer 2004, S. 299300).
Der Franktireurmythos
Wie nun kamen die Soldaten zu dieser Annahme? Diese Vorstellung hat ihren konkreten Ursprung im deutsch-französischen Krieg von 1870/71, wo Trupps von Freiwilligen, die sich als Franktireur bezeichneten, dem deutschen Heer anhaltenden Widerstand leisteten. Sie wurden damals zu einem Feindbild für die deutschen Soldaten, weil sie nicht durch Uniformen erkennbar waren und häufig aus dem Hinterhalt angriffen. Diese Erzählungen vom brutalen hinterhältigen Franktireur hatten sich über vierzig Jahre im deutschen Heer bewahrt und wurde gewissermaßen von Generation zu Generation weitergetragen. Die Erzählung löste sich immer stärker von den realen Ereignissen 1870/71 und entwickelte so gewissermaßen ein Eigenleben. Dadurch wurden ein Mythos sowie ein Feindbild geschaffen, in denen sich sukzessive verschiedene Stereotype verdichteten (Horn/ Kramer 2004, S. 140). Im Moment der Invasion wurde das Feindbild in den Augen der Soldaten gewissermaßen Realität und damit die Erzählung bzw. der Mythos leitend für das Denken und Handeln der Soldaten, weil sie mit diesen Vorstellungen ausgestattet nun die Wirklichkeit deuteten. Man rechnete entsprechend damit, dass man auf den Widerstand der französischen und belgischen Zivilisten stoßen würde, und in unübersichtlichen Gefechtssituationen entstand für die Soldaten schnell der Eindruck, dass sich Zivilisten an den Kampfhandlungen beteiligten.
Die im deutschen Heer kursierenden Geschichten, beispielsweise von verstümmelten deutsche Soldaten und von an Frauen und Kindern begangenen Gräueltaten zeigen, dass das geschaffene Feindbild weit über die realen Bedrohungen von 1870/71 hinausging und mit...

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