9. – 10. Schuljahr

Kerstin Lochon-Wagner

Stolperstein Urteilsbildung

Sprachsensible (Wert-)Urteilsbildung fachsprachlich und fachmethodisch fordern, fördern und evaluieren

„Komme ich mal dazu, ob es die Leute in der Öffentlichkeit interessiert. Da fange ich mal so an...
So lautet der Einleitungssatz eines Schülers der neunten Klasse zur Beurteilung des Projekts „Stolpersteine. Es fällt auf, dass bereits dieser Satz fachmethodisch wie fachsprachlich verbesserungswürdig ist. Man denke nur an:
  • das Format des domänenspezifischen Schreibens,
  • das Wissen um die Anforderung des Operators „beurteile,
  • die Kenntnis um die Bedeutung des Fachbegriffs „Werturteil,
  • den Adressatenbezug,
  • oder das angemessene sprachliche Register.
Exemplarisch offenbart das Zitat Probleme hinsichtlich zentraler Ansprüche des Fachs Geschichte, denen es konstruktiv im Unterricht zu begegnen gilt. Die Forderung des Beitrags lautet daher: Bei Schülerinnen und Schülern muss Urteilskompetenz systematisch ausgebildet und eingefordert werden. Das Einüben sollte sogar ausgewiesenes Stundenthema sein, um die Urteilskompetenz nachhaltig zu verankern.
Die Bildung von rational und argumentativ begründeten Sach- und Werturteilen gehört zu den Kernkompetenzen im Geschichtsunterricht. Sie ist zudem eine Grundbedingung gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit und ermöglicht die Herausbildung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins (vgl. KLP NRW G8 Gymnasium, S. 15). In der Geschichtsdidaktik ist der Prozess der Urteilsbildung auch mit Blick auf die Argumentation (Mierwald und Brauch 2015) bei gleichzeitiger Dringlichkeit der Verwendung angemessener (Fach)sprache zunehmend in den Blick der Forschung geraten.
Unterrichtsvorhaben
Das gewählte Beispiel steht am Ende einer Unterrichtsreihe, um den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Deutschland in den Blick der Lernenden zu rücken. Unterrichtliche Voraussetzungen sind demnach Kenntnis über das NS-Herrschaftssystem, die NS-Ideologie, Individuen und Gruppen zwischen Anpassung und Widerstand sowie über die Entrechtung, Verfolgung und Ermordung europäischer Juden, Sinti und Roma sowie Andersdenkender und Ausgegrenzter zwischen 1933 und 1945. Zudem sollte das Stolperstein-Projekt und seine Zielsetzung bekannt sein. Wünschenswert, aber nicht zwingend notwendig, wäre ein Unterrichtsgang zu einem Stolperstein in der näheren Schulumgebung. Die im Mittelpunkt stehende Aufgabe lautet: „Das Projekt ‚Stolpersteine als Beispiel für Erinnerungskultur in Deutschland: ein (un)wichtiger Beitrag? Verfasse eine kritische Stellungnahme.
Leisens Lernaufgaben als Grundlage
Das Unterrichtsvorhaben orientiert sich in seiner grundlegenden Struktur an Josef Leisens Lernaufgabe. Lernaufgaben nach Leisen sind aus Sicht der Lernenden konzipiert und haben den Lernprozess im Auge. Dabei sind einzelne Schritte festgelegt, die eigenständig (auch unter Einbeziehung von Hilfen) an die Erstellung eines Lernproduktes heranführen; die abschließende Diskussion über das Lernprodukt schließt die Lernaufgabe ab.
Im vorliegenden Fall ist das prozesshafte Arbeiten offengelegt worden. Für die Schülerinnen und Schüler ist die Aufgabe daher von Beginn an in einen Prozess eingebettet, der darauf ausgerichtet ist, sich schrittweise zum Endprodukt der Verschriftlichung des Werturteils voranzuarbeiten und den eigenen Schreib- bzw. Arbeitsprozess zu reflektieren.
Eine höchst anspruchsvolle Aufgabe
Die Schulung von Urteilskompetenz stellt die Lernenden vor eine besonders anspruchsvolle Aufgabe, die dem höchsten Anforderungsbereich im Fach Geschichte zuzuordnen ist. Im Kernlehrplan NRW heiß es dazu: Schülerinnen und Schüler sollen bereits „zum Ende der Sekundarstufe I in Ansätzen begründete Werturteile formulieren können bei gleichzeitiger Verwendung geeigneter sprachlicher Mittel der Darstellung sowie Unterscheidung zwischen Begründung und Behauptung, Wirklichkeit und Vorstellung (KLP Geschichte G8 Gymnasium NRW, S. 28).
Die...

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