5. – 13. Schuljahr

Franziska Conrad/Kerstin Werner

Erinnerungskultur im Unterricht sprachbewusst gestalten

Das Beispiel des Reformationsjubiläums im Jahre 2017

Jugendliche und Erwachsene kommen mit Geschichte im Alltag über Produkte der Erinnerungskultur in Berührung. Der Begriff Erinnerungskultur bezeichnet Formen der bewussten Erinnerung an historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse, seien sie ästhetischer, politischer oder kognitiver Natur. Träger der Erinnerungskultur sind gesellschaftliche und politische Gruppen oder Nationen; Ziel ist meist kollektive Identitätsstiftung und Selbstvergewisserung durch Deutung der Vergangenheit aufgrund von gemeinsamen Werten, zuweilen auch Aufwertung des eigenen Kollektivs.
Begegnung mit Geschichte über Erinnerungskultur
Erinnerungskultur zu analysieren ist ein wichtiges Ziel eines Geschichtsunterrichts, der sich der Förderung reflektierten Geschichtsbewusstseins verpflichtet sieht. Lernende sollen erkennen, welches Identitätsangebot gemacht und welche Wertevorstellung propagiert wird und auch, welchen Interessen das jeweilige Identitätsangebot dient. Angebote der Erinnerungskultur können der Festigung demokratischer Identität dienen, „Verfassungspatriotismus fördern, sie können aber auch irrationale Verherrlichung des eigenen Kollektivs und Ausgrenzung sogenannter „Fremder intendieren, wie es gegenwärtig die identitäre Bewegung in Europa betreibt.
Gerade in einer Migrationsgesellschaft ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler lernen, die Angebote der Erinnerungskultur im Hinblick auf empirische und normative Triftigkeit zu analysieren, um offenkundige Manipulation und Verfälschungen zu erkennen und sich gegenüber Identitätsangeboten und Einladungen zur Identifikation mit Kollektiven aufgrund eigener Sach- und Werturteilskompetenz zu positionieren.
Sprache als Schlüssel
Bei Konstruktionen der Erinnerungskultur spielt ähnlich wie in politischer Rede adressatenbezogene, intentionale Sprache eine große Rolle. Ihre Impulse müssen erfasst werden. Dazu kommt, dass der historische Gegenstand, um den das Erinnern kreist, Bezugsobjekt ist, aber nicht erklärt und erläutert wird. Dies birgt eine zusätzliche Schwierigkeit für Jugendliche, müssen sie doch zum Verständnis der Medien der Erinnerungskultur Sachkenntnisse über das historische Phänomen haben, auf das Bezug genommen wird. Stellen beide Eigenarten von Medien der Erinnerungskultur Herausforderungen für Lernende dar, so kommt für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund hinzu, dass sie sich in Deutschland häufig mit kollektiven Identitätsangeboten auseinandersetzen, die eher an Mitglieder der deutschen Erinnerungskultur gerichtet sind.
Viola Georgi hat in ihrer Untersuchung über die Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland festgestellt, dass die Herkunft für das Verhältnis zur deutschen Geschichte weit weniger bedeutend sei als das Maß an Integration und Akzeptanz, das den Ausschlag über die Annahme der deutschen Geschichte in einer Aneignung zweiten Grades gebe. Integration wird über Teilhabe an Bildung hergestellt. Daher muss Geschichtsunterricht Wert darauf legen, dass gerade Phänomene der Erinnerungskultur sprachbewusst und sprachsensibel behandelt werden, um den Lernenden den Zugang zu den Manifestationen von Erinnerungskultur zu erleichtern.
Das Lutherjahr als Lernanlass
Wie das geschehen kann, soll paradigmatisch am Beispiel des Erinnerns an die Reformation aufgezeigt werden. Im Jahr 2017 erlebte Deutschland einen Boom an „Events, die Luther und die Reformation deuten; mit dem nationalen Feiertag am 31.10.2017 billigt der Staat dem eigentlich religiösen Ereignis der Veröffentlichung der 95 Thesen eine hohe Bedeutung bei. Grund genug, das Thema: „Wie und mit welchen Intentionen wird 2017 das Reformationsjubiläum begangen? im Geschichtsunterricht zu behandeln. Damit sich alle Schülerinnen und Schüler, auch die nichtdeutscher Herkunftssprache, mit dem gewählten Gegenstand...

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