5. – 13. Schuljahr

Martin Cremer

Der König muss hingerichtet werden!

Quellentexte besser verstehen

Schülerinnen und Schüler haben im Geschichtsunterricht häufig Schwierigkeiten, Quellentexte zu verstehen und in eigenen Worten wiederzugeben. Dies hat verschiedene Gründe:
  • Abstraktionen, Fremdwörter, geschichtliche Fachbegriffe und ein anderes Verständnis von Begriffen in unterschiedlichen geschichtlichen Epochen stehen einem leichten Zugang entgegen.
  • Zusätzlich sind der Kontext einer Quelle und deren Perspektive den Lernenden häufig unklar.
  • Die Argumentation in Reden wird kaum durchschaut.
  • Oft wirkt die altertümliche Sprache auf die Jugendlichen fremd.
Demgegenüber steht der Anspruch des Fachs, Quellen korrekt zu analysieren und wiederzugeben. Ziel der vorgestellten Herangehensweise ist daher die Förderung des Textverstehens durch verschiedene Formen von Hilfen und Aufgaben (Scaffolding), die darauf abzielen, in kleinen Schritten vom Verstandenen (Verstehensinseln) ausgehend zunächst individuell, dann gemeinsam mit anderen Schülerinnen und Schülern das Textverständnis zu verbessern. Das Verstandene wird in mehreren Transferleistungen mit steigendem Komplexitätsgrad adäquat und in eigenen Worten wiedergegeben. Dabei wird stets die Perspektive der Quelle beachtet. Das vorgestellte kleinschrittige Verfahren ist für die Lernenden gewinnbringend, wie der Autor aus eigener Unterrichtserfahrung bestätigen kann.
Historischer Hintergrund
Louis-Antoine-Léon de Saint-Just de Richebourg war ein französischer Politiker. Er hält seine erste Rede im Konvent an einer wichtigen Schnittstelle zwischen der gemäßigten und radikalen Phase der Französischen Revolution. Nach dem Sturm auf die Tuilerien und der Abschaffung der Monarchie durch Beschluss des Nationalkonvents am 21. September 1792 geht es um die Grundsatzfrage, wie mit dem König nach dessen Absetzung verfahren werden soll. Dieser Aspekt ist von zentraler Bedeutung für das weitere Schicksal der Revolution (Thamer, S. 63). Es geht um deren Fortbestand, da die Revolution von außen und innen bedroht ist. In dieser Situation treten im neu gewählten Nationalkonvent die radikalen Jakobiner unterstützt und bedrängt von der Commune für eine schnelle Aburteilung und Hinrichtung des Königs als Staatsfeind ein. Diese Haltung vertritt auch Saint-Just.
Ein ordentlicher Prozess mit der Möglichkeit eines Freispruchs hätte der Legitimation der Republik einen schweren Schlag versetzt. Nach der Entdeckung weiterer kompromittierender Papiere in einem geheimen Schrank im Schloss des Königs am 20.11.1792, die dessen Kontakte zu den äußeren Feinden der Revolution belegen, steht es außer Frage, dass der König sich nicht länger auf seine sakrosankte Stellung, die ihm die Verfassung von 1791 noch garantierte, berufen kann. Die Girondisten versuchen zunächst, einen Prozess zu vermeiden. Nach dem Auffinden der Geheimpapiere sprechen sie sich jedoch für einen ordentlichen Prozess aus, also gegen Saint-Justs Vorschlag. Zusätzlich schlagen die Girondisten ein Referendum des Volkes über den Urteilsspruch vor.
Die Jakobiner setzen sich mit ihrer radikalen Forderung nach Hinrichtung ohne Verurteilung nicht völlig durch. Es gibt einen Prozess, allerdings vor dem Konvent. Mit der folgenden zügigen Aburteilung und dem Tod des Königs durch die Guillotine letztlich stimmt der Konvent mit knapper Mehrheit für eine schnelle Exekution radikalisiert sich die Revolution. Weitere Mächte, z.B. Großbritannien, die Niederlande und Spanien, greifen in den Krieg ein, Erhebungen gegen die Revolution in Frankreich nehmen zu (Vendée, Lyon). Die Frage, ob und unter welchen Prämissen ein Prozess gegen den König stattfinden soll, ist also für den weiteren Verlauf der Revolution zentral.
Didaktische Überlegungen
Die Rede eröffnet den Lernenden die Möglichkeit, wichtige Argumente der radikalen Jakobiner 1792/93 zu erfahren und zu verstehen. Gleichzeitig führt die Quelle direkt in die Diskussion über die Frage,...

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