10. – 13. Schuljahr

Thomas Diehl

„Wir schreiben Geschichte

Essays in der Oberstufe

„Dass ohne die Krise die weitgehend friedliche Koexistenz beider Mächte nicht möglich gewesen und somit auch kein Frieden entstanden wäre, so schließt ein Abiturient seine Ausführungen zur Kuba-Krise. Zuvor hatte er auf 3,5 Seiten knapp den Verlauf und etwas ausführlicher die Folgen der Konfrontation dargelegt. Was zunächst angesichts der Kürze den Verdacht einer unvollständigen Behandlung nahelegt, steht vielmehr für eine zielgerichtete Auswahl und Bewertung relevanter Kernpunkte. Man bedenke hierbei: Es handelt sich erstens um Geschichtsunterricht, nicht um ein Geschichtsstudium, und zweitens werden selbst im Studium immer nur bestimmte Themen und Blickwinkel behandelt sowie eingefordert. Aber auch ohne eine umfassende Gesamtdarstellung sind, wie am Eingangszitat zu sehen, fundierte Urteile möglich Urteile, für die die Beherrschung des „Stoffes genauso notwendig ist wie die Kompetenz historischer Beurteilung.
Der hohe Wert des eigenständigen Schreibens
Das eigenständige Schreiben ist per se von hohem Wert für kognitive Prozesse. Was man eigenständig schreiben will, muss zuvor intensiv durchdacht und verstanden sein und findet daher leichter Eingang ins Langzeitgedächtnis. Gerade für abstrakte und komplexe historische Fragen bestehen umgekehrt hohe kognitive Anforderungen, die der schrittweisen und reflexiven schriftlichen Annäherung und Bearbeitung bedürfen, wollen sie erfolgreich bewältigt werden. Im Gegensatz zu mündlicher Kommunikation sind die Lernenden hierbei gezwungen, über die Zusammenhänge von Einzelaspekten intensiv nachzudenken, um eine logische Anknüpfung und Argumentation verschriftlichen zu können (vgl. Hartung 2015, S. 222 und 224).
Insbesondere gilt dies für offene Aufgabenstellungen (Beispiele in Material 3), die ein eigenes Urteil erfordern (Material 1 und Material 2) was sie per se kompetenzorientiert macht. Der bei Essays weitgehend eigenverantwortliche Schreibprozess bedarf und ermöglicht Planung, Entwurf und Überarbeitung historischer Denkprozesse, womit die Historie internalisiert werden muss, soll das Endprodukt adäquate Gestalt haben. Überhaupt ist „Schriftlichkeit [] für unsere dezidiert literale Kultur sogar konstitutiv für das, was wir unter Geschichte verstehen (Hartung 2015, S. 221). Mit einer explizit eigenen schriftlichen Annäherung an historische Fragen treten Schülerinnen und Schüler aus der Rolle bloßer Rezipienten dargebotenen historischen Wissens heraus und schreiben im wahrsten Wortsinne selbst Geschichte.
Essays im Geschichtsunterricht
Essays als spezifische Form des Geschichte-Schreibens sind hierbei flexibel einsetzbar: Sie können Lernprozesse begleiten, am Ende der Unterrichtseinheiten ihren Platz finden sowie parallel dazu als Hausarbeit oder als Klausurersatz bzw. als alternative Prüfungsform eingesetzt werden. Sie sind mitunter eigenständig in der Freizeit der Lernenden anzufertigen, was ihnen bei der Gestaltung einen im Vergleich zu anderen Lern- oder Beurteilungsverfahren recht großen Freiraum gewährt, mit dem die Verantwortung in hohem Maße an die Lernenden delegiert wird.
Damit sind Essays auch implizit ein Mittel der Binnendifferenzierung. Die Lernenden können entsprechend ihrer Interessen, ihres Tempos, ihrer Motivation und ihres Potentials am Essay arbeiten. Zudem ermöglichen Essays auch das Erbringen der von einigen Lernenden gewollten Mehrleistung. Selbst bei (sinnvoller) Begrenzung des Umfangs besteht diese Möglichkeit insbesondere durch freigestellte Eigenrecherche. Im Unterschied zu üblichen Klausurformen, für die oft nur punktuell gelernt wird, sorgen Essays schließlich aufgrund der Verschriftlichung für nachhaltige Lerneffekte (sofern sie nicht einen Tag vor dem Abgabetermin in großer Eile verfasst werden).
Die mit Essays zu vollziehende historische Narration ist folglich nicht nur Medium, sondern zugleich Wegbereiter nachhaltigen historischen...

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