5. – 13. Schuljahr

Georg Götz

Verstehen durch Schreiben

Die Julikrise 1914 mit Hilfe eines Lückenflussdiagramms erarbeiten

„Sprachliches und fachliches Lernen sind [...] nicht voneinander zu trennen und können auch nicht getrennt voneinander diagnostiziert und gefördert werden. Diese Feststellung von Saskia Handro (2015, S. 13) muss auch Geschichtslehrkräfte und Geschichtsdidaktiker(innen) beunruhigen. Denn sie stimmen ausnahmsweise darin überein, dass Schülerinnen und Schüler ungern und schlecht lesen. Allgemein gesehen ist Sprache das Medium, in dem wir denken; unser Denken ist gleichsam ein Text. Bereits Kleist sprach davon, dass „Reden ... wahrhaft lautes Denken (Kleist 1878, S. 5) sei. Für die Geschichte gilt: „Ohne geschriebene Texte wäre unser geschichtliches Bewusstsein ein anderes, als es tatsächlich ist. Dies gilt auch für unseren Geschichtsbegriff und die Art und Weise, was und wie wir über Geschichte denken (Hartung 2015, S. 221).
Didaktische Überlegungen
In jüngerer Zeit wurde daher die Rolle des Schreibens in der Geschichtsdidaktik wieder stärker betont (Haas 2016; Hartung 2013; Memminger 2007). Auch der vorliegende Beitrag verfolgt diesen Gedanken, sein Ansatz verschränkt aber die Ebenen der Rezeption und Produktion, um dadurch ein besseres Textverstehen zu ermöglichen. Der spezifische Nutzen des Vorgehens ist darin zu sehen, dass die Schülerinnen und Schüler in der Vervollständigung eines Diagramms Begriffe bzw. Ereignisse aus dem Darstellungstext entnehmen und temporal, kausal oder auf andere Weise verknüpfen müssen. Die Verknüpfung weist den einzelnen Ereignissen Bedeutung zu und so der Narration Sinn. Schülerinnen und Schüler behalten das, was ihnen sinnvoll scheint, ungleich besser als etwas, dessen Sinn sich ihnen nicht erschließt. So erzielen sie einen nachhaltigeren Lernerfolg.
Die „Julikrise als Schreibanlass
Unter „Julikrise versteht man die hektische Diplomatie und schnelle Abfolge innen- und außenpolitischer Entscheidungen zwischen dem 28. Juni und dem 4. August 1914, die über Krieg und Frieden in Europa entschieden. Ohne Zweifel hat die daraus entstehende „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, wie der Erste Weltkrieg gern bezeichnet wird, einen festen Platz im Kanon des historischen Lernens in Deutschland. Die „geradezu paradigmatische Bedeutung dieser Thematik (Barricelli 2005, S. 221) für das Selbstverständnis der Geschichtswissenschaftler spiegelt sich auch im Geschichtsunterricht. Aber warum beschäftigen sich Historiker mit der Julikrise immer wieder? Ist dazu nicht alles gesagt? Liegen nicht alle Dokumente längst vor? Hierzu stellte anlässlich ihrer 100-jährigen Wiederkehr Christopher Clark fest: „Für Theoretiker der internationalen Beziehungen sind die Ereignisse von 1914 immer noch die politische Krise par excellence, so verworren, dass sie unzähligen Hypothesen Raum geben (Clark 2014, S. 9).
Sachanalyse
Das ungebrochene Interesse an den Ereignissen am Anfang des Ersten Weltkrieges liegt aber auch zu einem Gutteil an seinem Ende, der leidenschaftlichen Verhandlung der Schuldfrage in und nach Versailles. Der Versailler Vertrag sollte einen neuen Standard von Friedensordnung setzen. Als solcher musste die „gerechte Erfassung der Schuld am Kriegsausbruch einen wesentlichen Aspekt der Verhandlungen bilden und die vom Vertrag konzipierte Nachkriegsordnung begründen (Schulze 2001, 416 – 417). Daher bestand seit Kriegsende stets ein wesentliches Interesse an Beweisen für oder gegen die Angemessenheit der Artikel des Friedensvertrages, und alle beteiligten Nationen widmeten sich der Darstellung ihrer Unschuld am Ausbruch des Krieges mit großem Eifer (Clark 2014, S. 9 – 22; Krumeich 2014, S. 7 – 14). Seit der Fischer-Kontroverse (Jarausch 2003) Ende der 1950er stimmt ein überwiegender Teil der Historiker darin überein, dass das Deutsche Reich einen erheblichen Anteil der Schuld auf sich geladen hat. Christopher Clark (2014) hatte in jüngster Zeit wiederum die Rolle...

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