5. – 13. Schuljahr

Olaf Hartung/Josef Memminger

Schreibend Geschichte lernen

Mehr als ein „mündliches Fach die Vielfalt des Schreibens im Geschichtsunterricht entdecken

Schreiben kann mehr, als nur Dinge auf Papier festhalten. Das wusste bereits Georg Christoph Lichtenberg (vgl. Editorial). Der Brite Barry K. Beyer hat sich ebenfalls schon früh mit der Relevanz des schulischen Schreibens im Fach Geschichte für die Bewusstseinsbildung auseinandergesetzt. Das Ergebnis seiner Reflexionen brachte er 1980 mit einem Bonmot W. H. Audens auf den Punkt: „How can I know what I think till I see what Ive said? (Beyer 1980, S. 170)
Schreiben als Thema der Geschichtsdidaktik
In der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik sind erst in den letzten Jahren vermehrt Publikationen erschienen, die sich dezidiert dem Thema „Schreiben und „Sprache im Geschichtsunterricht widmen (ZfGD 2015; Hartung 2015, 2013, 2010; Handro/Schönemann 2010; Memminger 2009, 2007; Hinrichs 2007; Gemmeke-Stenzel 1997). In allen wird die Auffassung vertreten, dass Schreiben zu einem wirksamen Werkzeug des historischen Lernens werden kann, wenn es denn richtig eingesetzt wird. Dazu bedarf es nicht zuletzt Schreibaufgaben, die sowohl aktuelle schreibdidaktische Erkenntnisse berücksichtigen als auch den Kriterien modernen, kompetenzorientierten Geschichtsunterrichts entsprechen. Die mannigfaltigen Kompetenzbereiche der verschiedenen geschichtsdidaktischen Kompetenzmodelle, die durch das Schreiben berührt werden können, sollen hier bewusst nicht in extensio aufgeführt werden (für einen Überblick vgl. Barricelli/Gautschi/Körber 2012). Es liegt aber auf der Hand, dass beim Schreiben über Geschichte die in vielen dieser Konzepte beschriebene (oder mitgedachte) narrative Kompetenz eine wichtige Rolle spielt. Besonders angesprochen werden im Kontext des schreibenden Geschichtslernens die drei Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Franziska Conrad in einer früheren Ausgabe dieser Zeitschrift als gemeinsamen Nenner aller Kompetenzmodelle der Geschichtsdidaktik und der gültigen Länder-Lehrpläne identifiziert hat: die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme, die Sachurteilskompetenz und die Werturteilskompetenz (Conrad 2011).
Potenziale desschreibenden Geschichtslernens
Schreiben im Sinne von Textproduktion spielt sowohl für die Geschichtsforschung als auch für das Geschichtslernen eine wichtige Rolle. Ein Hauptgrund dafür liegt nicht zuletzt in den spezifischen erkenntnislogischen Bedingungen des Fachs selbst verborgen. Geschichtslernen ist aufgrund seiner primär abstrakten Lerninhalte eine komplexe mentale Aktivität, die zumeist elaborierter literaler Fähigkeiten bedarf. Dies gilt nicht nur für das rezeptive Verständnis komplexer Geschichtstexte und Quellen, sondern auch für das produktive Erkennen historischer Zusammenhänge durch selbstständiges historisches Denken. Im Vergleich zur Mündlichkeit unterstützt das schreibende Lernen bestimmte kognitive Fähigkeiten für die Verarbeitung von Wissensinhalten, wie z.B. distanzierte Betrachtung und Multiperspektivität, Abstraktion, Klassifikation und kategoriales Denkens sowie komplexe Schlussfolgerungen und Sinnbildungen (Schmölzer-Eibinger & Thürmann 2015, S. 9). Tatsächlich gilt Geschichte jedoch auch heute oftmals noch als vornehmlich „mündliches Fach, in dem Schülerinnen und Schüler im Vergleich zu den Sprachfächern eher selten längere Texte verfassen (Thürmann, Pertzel & Schütte 2015, S. 20).
Und wenn doch einmal im Geschichtsunterricht geschrieben wird, dominieren zumeist die schultypischen Schreibformate mit unselbstständigem, reproduktivem Charakter den Unterrichtsalltag. Geschrieben wird vor allem mit instrumentellen Absichten, die dem eigentlichen Prozess des Geschichtslernens als nachgelagert angesehen werden, etwa wenn Verstehensleistungen überprüft, Lernergebnisse zusammengefasst oder das Lehr- und Lerngeschehen organisiert werden sollen.
Ein wesentlicher Vorteil von Schriftlichkeit gegenüber Mündlichkeit...

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