10. – 13. Schuljahr

Klausuren schreiben lassen

Bemerkungen zur klassischen Prüfungsform der Oberstufe

Schriftliche Ausarbeitungen bilden die Grundlage für die Leistungsbewertung in der Schule. Das Schreiben von Klausuren stellt deshalb in der Oberstufe den wichtigsten Teil schulischer Schreibhandlungen dar.
Ein bedeutsames Charakteristikum der Schreibhandlung „Klausur ist, dass sie für alle Beteiligten des Systems Schule eine möglichst transparente und benotbare Überprüfung des Könnens und Wissens der Schüler-innen und Schüler bereitstellen soll. Die Anwendung des Wissens beim Schreiben impliziert damit die Umsetzung der aufgebauten Kompetenzen innerhalb des Wissensbereichs während der Klausursituation: Die Aufgaben müssen sich sowohl auf die Inhalte als auch auf die in der Reihe geübten Kompetenzbereiche beziehen. Die Klausur muss deshalb langfristig aus dem Unterricht heraus vorgeplant sein. Nur dann kann am Ende der Reihe ein Fortschritt beim Kompetenzaufbau wie auch die inhaltliche und begriffliche Sicherheit benotet werden.
Das Gelingen der Klausur beruht auf der sorgfältigen Auswahl des Klausurmaterials, und der richtigen Einübung des Formates mit den Schülerinnen und Schülern. Nicht alle Texte sind aber für eine Klausur geeignet: Nicht jeder Text kann für unterrichtliche Quellenarbeit genutzt werden, und nicht jede Quelle ist ein geeigneter Klausurtext: Harry S. Trumans Kongressrede vom 12.3.1947, in der er die „Trumandoktrin formuliert, ist als Klausur ungeeignet: Nicht nur, weil sich die Frage stellt, wie überhaupt die Nachkriegszeit ohne diese Schlüsselquelle unterrichtet worden sein kann, sondern vielmehr, weil er im Rückblick auf die zurückliegende Unterrichtsreihe keinen Denkanstoß bietet. Die SuS werden in diesem Text auf den ersten Blick nur die Bestätigung ihrer bisherigen Kenntnisse finden: Kompetenzentwicklung wird so verhindert. Es würde allein die gelenkte Wiedergabe der Unterrichtsergebnisse verlangt: „Erläutern Sie den historischen Kontext ist strukturell einfach, die Musterlösung liegt im Buch und in den Unterrichtsmitschriften vor. Lernende müssen diese aber nicht überdenken.
Material außerhalb des Narrativs der Reihe wählen
Wenn das auszuwählende Material aber außerhalb des Narrativs der Reihe steht, idealerweise in einem erkennbaren Kontrast dazu, kann eine Kompetenzentwicklung im Bereich von Analyse und Urteil deutlich besser dargestellt werden. Die Revolution vom November 1918 ist im Unterricht behandelt worden, Friedrich Ebert, Wilhelm Groener, die Rolle Karl Liebknechts und das Stinnes-Legien-Abkommen wurden erörtert. Eine Klausur auf Basis eines Zeitungsartikels von Ernst Jünger aus dem Jahre 1923, in dem er die Revolution 1918 aus nationalkonservativer Perspektive massiv kritisiert, verlangt, die Textanalyse gegen die gewohnten Muster vorzunehmen. Auch das im Unterricht angebahnt Werturteil muss neu erstellt werden. Dafür wird es nötig, kompetent das gesamte Wissen der Einheit zu restrukturieren und mit letztlich eigener Beurteilung darzustellen. Schülertexte dieser Art sind in der Tendenz kürzer, weil erheblich mehr Zeit zum Nachdenken gebraucht wird. In dieser Klausur muss die Lerngruppe zeigen, dass sie jenseits der Inhalte auch Konzept und Idee der Reihe verstanden hat und umsetzen kann.
Hier wäre es zu einfach, eine offenkundig nicht haltbare Position etwa eine offizielle DDR-Verlautbarung zum 17. Juni 1953 in der Klausur widerlegen zu lassen. Die Aufgabe sollte besser eine für die Schülerinnen und Schüler neue Plausibilität aufweisen: In diesem Sinne wird hier Konstantin Katzarovs Deutung der Nachkriegszeit aus dem Jahre 1964 vorgestellt (Arbeitsblatt 1).
Er schreibt, der Westen habe den Zweiten Weltkrieg auf ganzer Linie verloren. Das eigentliche Kriegsziel, zu verhindern, dass eine kontinentale Hegemonialmacht in Europa entsteht, sei nicht erreicht worden. Großbritannien und das verbündete Frankreich hätten nur dem Westen des Kontinents die Freiheit geben können,...

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