5. – 13. Schuljahr

Philippe Weber

Geschichten des Blitzableiters

Perspektivisches Schreiben über die verschiedenen Facetten der Aufklärung

Der unten abgebildete, im Jahr 1876 angefertigte Druck erinnerte an Benjamin Franklins Experimente und pries die damit zusammenhängende Erfindung des Blitzableiters. Er lässt sich von einer historischen Erzählung leiten, die im 19. Jahrhundert zum bürgerlichen Selbstverständnis gehörte: Unerschrockene weiße Männer hätten im 17. und 18. Jahrhundert den Aberglauben überwunden, ihre Vernunft zur unvoreingenommenen Erforschung der Natur eingesetzt und so nützliches Wissen hervorgebracht, das der Menschheit bis heute Wohlstand, Sicherheit und Fortschritt beschert. Diese Erzählung vom „Durchbruch der Vernunft war bereits von den Aufklärern selbst formuliert worden und diente der Legitimation und Durchsetzung des neuen, aufklärerischen Zugangs zur Welt.
Die Geschichtswissenschaft des 20. Jahrhunderts hat verschiedene Vorschläge gemacht, wie der von der Aufklärung ausgehende Prozess historisch adäquat zu fassen ist. Konzepte wie Säkularisierung, „Entzauberung der Welt (Max Weber) oder Verwissenschaftlichung versuchen, den „Durchbruch der Vernunft zu historisieren. Die Aufklärung erscheint so aus heutiger Perspektive als neue Wahrnehmung, die innovative empirische Erkenntnisformen propagierte, die Welt als berechenbar und gestaltbar wahrnahm und alte europäische Weltsichten und Formen der Vernunft zurückdrängte. Dieser Prozess der Verdrängung war mit zwei weiteren Entwicklungen verbunden: Das neue aufklärerische Weltbild führte mit seiner Verehrung der Technik und der Natur neue Formen der „Magie ein; zugleich ermöglichte das potentiell offene Weltbild der Aufklärung auch Kritik an aufklärerischen Erkenntnissen.
Alltagsnahe Technik als Beispiel für die Facetten der Aufklärung
In der Geschichte des Blitzableiters werden die verschiedenen Facetten der Aufklärung am Beispiel einer alltagsnahen Technik deutlich. Die Erfindung beruhte auf experimentell gewonnenem Wissen über Elektrizität, das der Menschheit Nutzen bringen sollte. Die Entstehung und Verbreitung des neuen Wissens war mit dem Glauben an eine berechenbare, nutzbare und letztlich gute Natur verbunden. Dabei wurde der Blitzableiter ein geradezu magisches Objekt der Technikverehrung, das symbolisch die Spitze der Kirchtürme zierte.
Aufgrund der raschen Verbreitung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts brachte der Blitzableiter der „einfachen Bevölkerung beispielhaft die Erkenntnisse, Versprechen und Instrumente der elitären Aufklärung nahe. Die Bevölkerung empfing den „Fortschritt allerdings nicht durchweg mit offenen Armen, wie die Tagebuch-Einträge des Schweizer Schriftstellers Ulrich Bräker zeigen. Bräkers Notizen sind nicht nur aufschlussreiche Quelle für die Existenz bäuerlichen Widerstands, sondern bieten auch die Möglichkeit einer aufklärerischen Kritik an der Aufklärung. Bräker kannte sich nämlich in der Literatur der „Naturforscher durchaus aus und zweifelte an den Erklärungen über die Natur des Blitzes. Auch das war eine Facette der Aufklärung: Bräker nutzte das aufklärerische Mittel der Kritik, um religiöse Zweifel an der Allmacht menschlichen Wissens zu formulieren.
Didaktische Überlegungen
Die vorliegende Unterrichtseinheit für die Sekundarstufe I oder II differenziert mit einem perspektivischen Blick auf die Erfindung und Verbreitung des Blitzableiters die dominante Geschichte der Aufklärung. Was in Lehrplänen beim Thema „Absolutismus als Kritik an der monarchischen Politik oder als Grundlage der französischen Revolution dargestellt und unhistorisch mit dem Stichwort „Vernunft (Lehrplan Sachsen) zusammengefasst wird, soll in seiner konkreten historischen Form und Vielgestaltigkeit behandelt werden. Die SchülerInnen lernen, wie unterschiedliche Menschen den „Durchbruch der Vernunft wahrgenommen haben und von welchen Welt- und Geschichtsbildern ihre Wahrnehmung geprägt wurde. Sie erreichen...

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