5. – 10. Schuljahr

Marco Dräger

Blaue Augen und blondes Haar

Tacitus stereotype Darstellung der Germanenmittels perspektivischen Schreibens kritisch hinterfragen

Die Romanisierung ist laut Rahmenrichtlinien und Kerncurricula nach wie vor ein obligatorisches Thema im Geschichtsunterricht. Meist beschränkt sich ihre Thematisierung jedoch auf die tabellarische Auflistung der Vor- und Nachteile dieses Kulturtransfers. Eine Reflexion darüber findet oft nicht statt, sodass große Lernpotentiale im Hinblick auf die narrative Kompetenzentwicklung der Lernenden, ihren Umgang mit Perspektivität sowie ihre Diskursfähigkeit nicht ausgeschöpft werden (vgl. Bernhardt/Onken 2013, S. 9 – 10 und Erdmann 1993, S. 223 – 227). An dieser Stelle setzt der vorliegende Beitrag an.
Die Grundidee
Als Vorwissen sollten die Schülerinnen und Schüler über die Voraussetzungen und Folgen der Romanisierung der germanischen Provinzen informiert sein und sich diesen Fachbegriff angeeignet haben. Das Ziel der Stunde besteht darin, dass die Lernenden einen Perspektivwechsel vollziehen können. Nachdem ihnen die „Errungenschaften der Romanisierung aus römischer Perspektive im Unterricht bereits näher gebracht worden sind und dabei das Positive (Kultur, Technik, Verwaltung etc.) überwogen haben dürfte, sollen sie sich nun in die romanisierten bzw. zu romanisierenden Germanen hineinversetzen, indem sie in Form eines Briefes eine Replik an den römischen Historiker Tacitus verfassen. Durch das Verfassen eines fiktionalen Gegentextes zu Tacitus lernen die Schülerinnen und Schüler, eine monoperspektivische Sichtweise zu überwinden (zu „stummen Gruppen und fiktiven Quellen siehe Bergmann 1994, S. 197 und Bergmann 2000, S. 5960).
Didaktische Überlegungen und Unterrichtsdramaturgie
Als Einstieg werden die Lernenden mit einem Quellenauszug aus Tacitus Germania konfrontiert (Material 1). Sie fassen dann in Partner- oder Gruppenarbeit zunächst in eigenen Worten zusammen, was Tacitus Positives und Negatives über die Germanen berichtet. Anschließend arbeiten sie noch die Merkmale heraus, die belegen, dass Tacitus eine dezidiert römische Perspektive vertritt. Je nach zur Verfügung stehender Unterrichtszeit können diese Arbeitsaufträge auch in eine vorbereitende Hausaufgabe ausgelagert werden.
Die Ergebnisse werden im Plenum präsentiert (Folie oder Tafelbild) und die Schülerinnen und Schüler diskutieren über Tacitus stereotypes Germanenbild. Im Anschluss daran verfassen die Lernenden mit Hilfe eines Darstellungstextes (Material 2) in Einzelarbeit eine Gegendarstellung und zwar in Form eines Briefes an Tacitus aus Sicht eines Germanen (dafür steht Material 3 zur Verfügung). Die Gattungsmerkmale eines Briefes sollten bereits aus dem Deutschunterricht bekannt sein. Falls nicht, müssen den Schülerinnen und Schülern diese Kennzeichen im Sinne des scaffolding zur Verfügung stehen (z.B. auf einer Folie oder einem Plakat: Anrede/Begrüßung, Anliegen/Inhalt/Thema, Verabschiedung/Grußformel, Unterschrift).
Diese Schreibaufgabe fördert sowohl die narrative Kompetenz der Lernenden als auch ihre Fähigkeit zu diachroner und synchroner Perspektivenübernahme und Fremdverstehen, indem sie über Tacitus und ihre eigene Position nachdenken. Durch diese (schriftliche) Art der Kommunikation und Reflexion über Geschichte erwerben sie des Weiteren geschichtskulturelle Diskursfähigkeit und erhalten Einsicht in den Konstruktcharakter von Geschichte. Denn die Schreibaufgabe ist handlungs- bzw. produktorientiert, die Lernenden müssen ihr Wissen „umwälzen und neu strukturieren (vgl. Demantowsky 2007, S. 71), weshalb sie viel Zeit in Anspruch nimmt.
Nach der Vorstellung der Briefe im Plenum sollten die Schülerprodukte diskutiert und reflektiert werden. Die Besprechung sollte kriteriengeleitet ablaufen und die Qualität der Briefe in den Blick nehmen (z.B. behandelte Aspekte: Hauptsachen oder Nebensächlichkeiten, sprachliche Angemessenheit, formale Korrektheit etc.,...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen