5. – 13. Schuljahr

Wolfgang Hackenberg/Kerstin Lochon-Wagner

Bilder narrativieren

Das Mädchen aus Vietnam De- und Rekonstruktion eines berühmten Fotos

In aktuellen geschichtsdidaktischen Publikationen wird vermehrt die Bedeutung des Schreibens im Geschichtsunterricht in den Blick genommen, insbesondere vor dem Hintergrund der Forderungen nach einem sprachsensiblen Geschichtsunterricht. Hier ist auf die Herausforderung hingewiesen worden, der sich heutige Lerner stellen müssen: dem kognitiven Erfassen von komplexen Ursachen- und Wirkungszusammenhängen und dem Prozess der fachlich angemessenen mündlichen/ schriftlichen Versprachlichung (Lochon-Wagner 2014). Dabei sind zumeist kognitive Operationen auf einem Abstraktionsniveau erforderlich, die durch konzeptionell schriftliche Bearbeitung eher und präziser durchgeführt werden können als durch eine mündliche Besprechung (Hartung 2015, S. 222).
Didaktische Vorüberlegungen
Im Geschichtsunterricht kommt erschwerend hinzu, dass das Schreiben in der Sek I in der Regel nicht systematisch erfolgt man begnügt sich häufig mit dem Abschreiben des Tafelanschriebs, was einen rein reproduktiven Akt darstellt, ohne Lerner zum Verfassen eigenständiger Narrationen zu ermutigen. So steht der (Mehr-)Wert des Schreibens und des Schreibprozesses nicht im Mittelpunkt von Lernarrangements. Der folgende Unterrichtsvorschlag soll dem im Gang befindlichen Sensibilisierungsprozess der Lehrenden für die oftmals nicht hinreichende Sprachfähigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler Rechnung tragen, damit „die vorhandenen Alltagskonzepte der Lernenden zu Fachkonzepten (conceptual change) ausgebaut (Oleschko 2014, S. 29) werden können.
Der Beitrag versucht, für den Mittel- bzw. Oberstufenunterricht verschiedene Schreibanlässe mit dem Ziel zu schaffen, (historische) Narrationen systematisch anzuleiten. Als Voraussetzung dient eine systematische und differenzierte Beschreibung des historischen Fotos zur Einübung fachspezifischer Terminologie in Verbindung mit Quellenarbeit. Diese müssen für den weiteren Fortgang der übergeordneten Schreibaufgabe im Sinne von domänenspezifischen Lesestrategien erschlossen und analysiert werden (Sach- und Methodenkompetenz).
Politischer und medialer Entstehungskontext
Das Foto des damals neunjährigen Mädchens Kim Phuc zeigt eine Momentaufnahme aus dem Vietnamkrieg und entstand in einer Zeit, in der der Abzug der US-Truppen aus Vietnam in vollem Gange war. Ende 1971 betrug die Anzahl der stationierten US-Truppen rund 157.000 im Vergleich zu über 334.000 im Jahr 1970. In Südvietnam hatte die US Air Force meist defensive Aufgaben übernommen, während sie im Norden massive Angriffe auf Stellungen und Städte flog. Für die Fotoreporter und Kameramänner war es 1972 kaum möglich, spektakuläre Kriegsbilder des Vietnamkrieges zu bekommen, um den „Bilderhunger der Agenturen zu bedienen.
Nachdem im Saigoner Büro der Nachrichtenagentur Associated Press die Meldung eingetroffen war, dass im 60km nordwestlich von Saigon gelegenen Dorf Trang Bang sich nordvietnamesische Soldaten verschanzt haben sollten, machte sich der AP-Fotoreporter Huynh Cong, genannt Nick Ut, am frühen Morgen des 8. Juni 1972 auf den Weg. Gegen 13 Uhr bombardierte die südvietnamesische Luftwaffe das Dorf. Vier Napalmbomben schlugen ein, zusätzlich wurde MG-Feuer eingesetzt. Nachdem die Flugzeuge abgedreht hatten, kamen die ersten verängstigten Bewohner und einige vom Angriff überraschte südvietnamesische Soldaten auf die vor dem Dorf wartenden Journalisten und Soldaten zu. Unter ihnen war die neunjährige Kim Phuc, ihre Geschwister und ihre Großmutter mit dem sterbendem Enkel im Arm. Nick Ut lief erst an den Fliehenden vorbei. Erst als er seinen Film voll hatte, eilte er zu Kim Phuc und brachte das Opfer des „friendly fire im Auto in ein Krankenhaus in der Nähe von Saigon.
Von den insgesamt acht Kodakfilmrollen mit mehr als 240 Aufnahmen, die Nick Ut an jenem 8. Juni 1972 machte, sind 31 Negative...

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