5. – 13. Schuljahr

Gerhard Henke-Bockschatz

Wie soll das gehen?

Sozialismus und Industrialisierung in einem kleinbäuerlichen Land

Nach der Machtübernahme, zumal während des Bürgerkriegs in den russischen Kernregionen von Frühjahr 1918 bis zum November 1920, herrschte unter den Bolschewiki alles andere als Einigkeit und Gewissheit darüber, wie jene sozialistische Wirtschaft aussehen sollte, mit der die auf Privateigentum und Marktwirtschaft basierende Wirtschaftsweise abgelöst werden sollte.
Die Ende 1917 erlassenen Dekrete der Bolschewiki zur Enteignung der Großgrundbesitzer und zur Kontrolle der Industriebetriebe entmachteten zwar vielerorts die alte, delegitimierte wirtschaftliche Elite. Aber sie können kaum als entscheidender Schritt auf dem Weg zum Sozialismus angesehen werden. Sie setzten auf dem Land eher das kleinbäuerliche Eigentum und in der Industrie ein arbeiter- bzw. staatsfreundliches Kontroll- und Aufsichtswesen durch.
In der damaligen sozialdemokratischen bzw. sozialistischen Theorie war die Auffassung weit verbreitet, die innerkapitalistische Tendenz zu Großbetrieben und Monopolen schaffe schon von sich aus qualitativ und quantitativ Formen der Vergesellschaftung der Produktion, die relativ problemlos in den Sozialismus überführt werden könnten. Mit der konkreten Planung einer ganzen Volkswirtschaft betrat man allerdings völliges Neuland. Hinzu kam, dass Russland trotz der kapitalistischen Industrialisierung einiger Branchen und Regionen immer noch in erster Linie ein relativ rückständiges, von der kleinbäuer-lichen Landwirtschaft geprägtes Land war nach dem Krieg sogar noch mehr als zuvor. Während der 1920er-Jahren bestand deshalb das zentrale praktische Problem für die Bolschewiki weniger darin, einen staatlichen Gesamtplan für die Wirtschaft aufzustellen. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Frage, wie die Masse der selbstständig wirtschaftenden Bauern dazu gebracht werden könnte, die karge Subsistenzwirtschaft aufzugeben und die Produktion so zu effektivieren, dass eine ausreichende Versorgung der Industriegebiete mit Lebensmitteln gewährleistet war.
Elektrizität als Erleuchtung
Als wichtiges Mittel zur Lösung des Problems betrachteten die Bolschewiki die Elektrifizierung des Landes. Ein sehr berühmtes Zitat von Lenin aus dem Jahr 1920 lautet: „Kommunismus das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des Landes. Demnach reichte es für das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft nicht aus, dass die Arbeiter und Bauern über die Sowjets die Macht in der Wirtschaft und im Staat ausübten. Darüber hinaus wurde auch eine Modernisierung der Wirtschaft auf der Grundlage der damals fortschrittlichsten Technologie, der Elektrifizierung, für absolut notwendig erachtet. Damit sollte die wichtigste Voraussetzung geschaffen werden, um auf der Grundlage von Großbetrieben eine sozialistische bzw. kommunistische Produktionsweise einzuführen.
Deshalb wurde im Februar 1920 die „Staatliche Kommission für die Elektrifizierung Russlands (GOELRO) gegründet. Sie arbeitete einen auf zehn bis 15 Jahre berechneten Plan aus, um die vorhandenen Kapazitäten an elektrischer Energie (Stand 1913: 177.000 KW) zu verzehnfachen. Dazu war der Bau von 30 Kraftwerken (21 Wärme- und neun Wasserkraftwerke) vorgesehen. 1925 erfolgte die Inbetriebnahme des ersten neuen Kraftwerks (Wolchow-Kraftwerk am Wolchowfluss). Der GOELRO-Plan wurde tatsächlich bis Anfang der 1930er-Jahre erfüllt. Aus dieser Zeit stammt die umgangssprachliche Bezeichnung „Iljitschs Lämpchen für die Glühlampe, da Wladimir Iljitsch Lenin die Elektrifizierung besonders propagiert hatte. Die Elektrifizierung wurde zunächst hauptsächlich in den Industriegebieten um Petersburg und Moskau sowie in der Donez- und Dnjepr-Region vorangetrieben.
Mit der Elektrifizierung griff der sow-jetische Staat auf eine relativ junge Technologie zurück, die in den kapitalistischen Staaten seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts verstärkt entwickelt worden war. Ab ca. 1880...

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