5. – 10. Schuljahr

Michael Brabänder

Vor der Oktoberrevolution

Ein Blick auf die Krisenverschärfung und die sozialen Milieus in Russland

Die aus der Februarrevolution 1917 hervorgegangene provisorische russische Regierung konnte in den ersten Wochen und Monaten ihres Bestehens auf einen allgemeinen Vertrauensvorschuss bauen. Seit Sommer 1917 nahm das soziale und politische Protestpotenzial aber wieder dramatisch zu und entwickelte eine rasante Eigendynamik, die schließlich den Bolschewiki in die Hände spielen sollte. Was führte zu diesem raschen Glaubwürdigkeitsverlust der neuen Regierung?
Faktoren für die Verschärfung der Krise
Die in sie gesetzten Erwartungen waren hoch, doch es gelang der Regierung nicht, die Lage in den Griff zu bekommen. Angesichts der fortwährenden Kriegsanstrengung steigerte sich die Not in den städtischen Zentren sogar weiter. Die Industrieproduktion brach 1917 um fast ein Drittel ein. Da die Bauern ihr Getreide wegen der niedrigen Festpreise vielfach zurückhielten und die Verkehrsinfrastruktur überlastet war, erreichte die Lebensmittelversorgung einen neuen Tiefstand. Die Hauptstadt konnte ihren Bedarf seit dem Sommer nur noch zur Hälfte decken. Während die Brotrationen gesenkt und weitere Grundnahrungsmittel der Rationierung unterworfen wurden, galoppierte die Inflation. Hungerkrawalle waren die Folge, und neue Streikwellen überrollten das Land.
Auch in den Dörfern wuchs die Unzufriedenheit. Nach der Überwindung des alten Systems erwarteten die Bauern, dass ihre Forderung nach einer Landreform endlich umgesetzt werde. Da die Regierung diese Aufgabe aber einer künftigen Nationalversammlung vorbehalten wollte, schritten die Bauern bald zur Selbsthilfe. Sie bildeten Gemeindekomitees, welche die Umverteilung des Landes zu Lasten adeligen und kirchlichen Gutsbesitzes selbst in die Hand nahmen. Häufig kam es dabei zu Übergriffen und Ausschreitungen, denen die Regierung kaum etwas entgegenzusetzen hatte.
Höchst unpopulär war schließlich auch die Entscheidung der Provisorischen Regierung, den Krieg an der Seite Frankreichs und Großbritanniens fortzusetzen. Mit dem Scheitern der letzten russischen Offensive im Juli 1917 nahmen die Zersetzungserscheinungen in der Armee spürbar zu. Befehlsverweigerungen und Fälle aktiver Insubordination häuften sich. Zu Tausenden verließen die Bauern-Soldaten unerlaubt ihre Stellungen, um bei den erwarteten Landverteilungen in der Heimat vor Ort zu sein.
Im Hinblick auf den Erfolg des bolschewistischen Putsches im Oktober (November) 1917 lässt sich mit dem renommierten Freiburger Historiker Jörn Leonhard bilanzieren: „Anfällig für die Versprechen Lenins wurden die Menschen erst, nachdem sie die Folgen der kriegsbedingten Wirtschaftskrise, das Versagen des Kriegsstaates und der hinter ihm stehenden politischen und militärischen Autoritäten im Alltag erlebt hatten (Leonhard 2014, S. 666).
Didaktische Hinweise
In einer zweistufigen Gruppenarbeit (Gruppenpuzzle) setzen sich Schülerinnen und Schüler vornehmlich der Sekundarstufe I anhand von Quellenauszügen aus dem zeitlichen Vorfeld der Oktoberrevolution mit drei zentralen Krisenherden in Russland auseinander: der Lage in den Städten, auf dem Land und in der Armee. In der Verschränkung und gegenseitigen Dynamisierung dieser Aktionsfelder lernen sie eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der zweiten Revolution des Jahres 1917 kennen.
Erwartungshorizont
Erwartungshorizont
Zu Arbeitsblatt 1
Aufgabe 1a: Beschreibt die Fotografie.
Fünf ärmlich gekleidete ältere Frauen und ein Mann durchwühlen mit Hacken und bloßen Händen eine kleine Abfallhalde und sammeln Essbares in einem Eimer.
Aufgabe 1b: Entwickelt Vermutungen zur Lage der Bevölkerung in Russland gegen Ende des Ersten Weltkriegs.
Die Bevölkerung litt an Hunger und Entbehrungen.
Zu Material 2 bis 4 und Arbeitsblatt 5
Aufgabe 2a: Wertet das Material mit Hilfe der Erschließungstabelle aus. Achtet dabei auf die vorgegebenen Kategorien.
Siehe dünngedruckte...

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