5. – 10. Schuljahr

Jürgen Möller

Regierung ohne Macht

Die Phase der „Doppelherrschaft als Mystery

Die Phase der Doppelherrschaft gehört zu den Standardthemen des Geschichtsunterrichts, wenn die Russische Revolution überhaupt noch in den Lehrplänen Berücksichtigung findet. Nur selten wird dabei aber der Versuch unternommen, diese Übergangszeit in ihrer Eigenart zu erfassen. Zumeist, und dies mit einem gewissen Recht, wird der Fokus auf die Ursachen des Erfolgs der Bolschewiki gelegt, die in der Anfangsphase eine beinahe marginale Rolle spielten, bis zum Herbst aber eine immer größere Dynamik entfalteten, die ihnen zunächst zu einer großen Anhängerschaft und im Putsch der Oktoberrevolution schließlich zur Macht verhalf.
Offenheit der Situation aufzeigen
Die Phase der Doppelherrschaft ist also in geschichtsdidaktischer Hinsicht eine klassische Misserfolgsgeschichte, die nach den Ursachen des Scheiterns des Experiments der parlamentarischen Demokratie bzw. in gewisser Weise auch der Rätedemokratie fragt. Auch wenn es sicher reizvoll wäre, diese entscheidende Phase einmal multiperspektivisch in den Blick zu nehmen, um Interessen und Motiven aller Beteiligten gerecht zu werden und dadurch zu einer ausgewogeneren Beurteilung zu gelangen, so lassen es das zur Verfügung stehende Stundendeputat und die Notwendigkeit einer drastischen didaktischen Reduktion notwendig erscheinen, der gleichsam kanonischen Fragestellung nachzugehen.
Der Unterrichtsvorschlag will die prinzipielle Offenheit der Situation 1917 sowie die gegenseitige Bedingtheit der Aktionen und Reaktionen der beteiligten Gruppierungen und Personen durch die Verwendung der Mystery-Methode offenlegen. Damit soll dem Gedanken an eine mögliche „Einbahnstraße in Richtung kommunistischer Herrschaft entgegengesteuert werden, der sich gerade bei jüngeren Schülern bei der Verwendung linear erzählter Verfassertexte oft einstellt.
Sachinformation: Die Phase der Doppelherrschaft
Sachinformation: Die Phase der Doppelherrschaft
Mit zunehmender Kriegsdauer zeigte sich immer mehr, dass das Zarenreich seine Kräfte überschätzt hatte. Nach Anfangserfolgen 1914 reihten sich für die russische Armee vor allem Niederlagen aneinander, die die Moral der russischen Armee zermürbten. Durch die Übernahme des Oberbefehls hatte Zar Nikolaus II. zudem sein Schicksal mit dem seiner Armee verknüpft, wurde er doch jetzt zunehmend auch persönlich mit den Niederlagen in Verbindung gebracht.
Die anhaltende Inflation sowie die schlechte Versorgungslage spitzten sich im Laufe des Jahres 1916 zu, sodass es im Februar 1917 in Petrograd (der Name St. Petersburg war zu Beginn des Krieges gegen die Deutschen russifiziert worden) zu Streiks und Demonstrationen kam, die sich rasch zum Generalstreik ausweiteten. Dem Befehl zur Niederschlagung verweigerten sich die Soldaten, sodass Nikolaus II. nur die Abdankung blieb. Diese kam völlig überraschend, sodass zunächst unklar blieb, wer eine neue Regierung bilden sollte.
Zunächst formierte sich eine provisorische Regierung unter Fürst Georgi Jewgenjewitsch Lwow, die aus einem Komitee der Duma hervorgegangen war. In ihr saßen vor allem bürgerliche Kräfte. Die neue Regierung stellte Wahlen zu einer Verfassunggebenden Versammlung in Aussicht. Gleichzeitig entstanden aber überall im Lande Arbeiter- und Soldatenräte (Sowjets), in denen die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre die deutliche Mehrheit stellten. Die Bolschewiki waren zu diesem Zeitpunkt in allen Räten in der Minderheit. Somit war eine Pattsituation entstanden: Die Räte verfügten über die Macht auf den Straßen und über Einfluss bei Arbeitern und der Armee, die Provisorische Regierung kontrollierte die Verwaltung und mit ihr die Versorgung der Bevölkerung.Beide Seiten scheuten den offenen Konflikt. Schlüsselfigur wurde in dieser Phase bald Alexander Kerenski, der sowohl Deputierter im Petrograder Sowjet als auch als einziger Sozialist Minister der Provisorischen Regierung war.
Zunächst agierte die...

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