11. – 13. Schuljahr

Elisabeth Gentner

Die Russische Revolution

Ein ständiges „Neuschreiben der Geschichte?

Fast schon chamäleonhaft bewegt sich die Russische Revolution durch die Jahrzehnte der Geschichtsschreibung. Mehrfach hat sich im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts der Blick auf diese politische Bewegung gewandelt: Während für die einen die Verwirklichung von sozialer Gleichheit und Freiheit im Vordergrund stand, verwiesen andere auf die Verfolgung und Ausschaltung politisch Andersdenkender Terror sei von Beginn an ein wichtiges Machtinstrument für die kommunistische Partei gewesen. In unterschiedlichen Zusammenhängen konnte die Revolution auf diese Weise sowohl zu positiv als auch zu negativ wertenden Sinnbildungsprozessen beitragen.
Ein Geschichtsbild im Wandel
Die Geschichtswissenschaft hat sich vor allem mit der Frage nach der Bedeutung der Russischen Revolution beschäftigt: War sie Wegbereiterin der Moderne oder stellte sie einen Rückschritt in der Geschichte dar?
Für viele aus dem kommunistischen Lager bedeutete die Oktoberrevolution den Anbruch einer neuen Ära; dadurch konnte sie eine beispiellose Glorifizierung als Wegbereiterin einer sozialistischen Weltrevolution erfahren. Von der marxistischen Geschichtsschreibung wurde sie sogar zum Wendepunkt der Geschichte stilisiert. Jedoch gab es auch Kritik „aus dem eigenen Lager. Als Mitbegründerin des revolutionären Spartakusbundes und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bejahte Rosa Luxemburg zwar die Oktoberrevolution per se, äußerte sich aber missbilligend über die Bolschewiki und beurteilte insbesondere die Art der Durchführung der Oktoberrevolution kritisch. Dabei machte sie Lenin und Trotzki für die Einschränkung und Aushöhlung der Arbeiterdemokratie verantwortlich; ursprüngliche Ideale seien zu Gunsten einer kleinen elitären Führungsschicht pervertiert worden.
Der Politikwissenschaftler und Historiker Karl Dietrich Bracher (1976), der als Verfechter der Bonner Demokratie und Anhänger der Totalitarismus-Theorie gilt, steht in einem scharfen Gegensatz zu den eher marxistisch-leninistisch geprägten Geschichtsdarstellungen. Für Bracher beginnt die Krise Europas mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Durchsetzung der bolschewistischen Herrschaft, bei der die Unterdrückung der Menschen und der rücksichtslose Gebrauch der Gewalt im Vordergrund stünden. Er stellt Gemeinsamkeiten zwischen linkem und rechtem Totalitarismus her, denn die Oktoberrevolution stehe in einer Kontinuitätslinie mit dem Stalinismus, weise Parallelen mit dem Nationalsozialismus auf und erweise sich nach der Beendigung des Kalten Kriegs im Rückblick als eine fatale Verirrung der Moderne.
Eine Neubewertung nach 1990?
Gerade mit dem Ende des Kalten Kriegs und dem „Abbau ideologischer Barrieren (Moritz/Leidinger 2011, S. 9) wurde auch eine Neubewertung der Russischen Revolution möglich und notwendig. So ist für Francis Fukuyama (1992) das Ende der Geschichte mit der Auflösung der Sowjetunion und der Durchsetzung der liberalen kapitalistischen Demokratie eingeläutet. Kann und muss die Russische Revolution also nun ad acta gelegt werden? Der britische Historiker Steve A. Smith verneint dies er sieht gerade in der Russischen Revolution eine Auseinandersetzung mit philosophischen und anthropologischen Grundsatzfragen und Idealen virulent werden; die Sehnsucht nach einer sozial gerechteren Welt besitze immer noch eine große Aktualität und Relevanz für das 21. Jahrhundert.
Bei dieser facettenreichen Rezeptionsgeschichte zeigt sich, dass „historische Wahrheiten und Wertungen immer dem Kontext entspringen, in dem sie erzählt werden. Für die Russische Revolution trifft in besonderem Maße zu, dass historische Deutungen sich unweigerlich als ein Konstrukt erweisen und eng verwoben sind mit der jeweiligen Gegenwart.
Aufgaben und Erwartungshorizont
Aufgaben und Erwartungshorizont
Aufgabe 1: Analysieren Sie das Plakat (Arbeitsblatt 1A). Erläutern Sie im Detail die...

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