5. – 13. Schuljahr

Michael Brabänder

Annehmen oder ablehnen?

Der Vertrag von Brest-Litowsk als Zerreißprobe für die Bolschewiki

„Land und Frieden im kriegsmüden Russland des Jahres 1917 war dies eine der zugkräftigsten Parolen der Bolschewiki. Und kaum hatten sie sich an die Macht geputscht, erging am 8. November 1917 das „Dekret über den Frieden. Darin forderte die neue Regierung einen „Frieden ohne Annexionen und Kontributionen. Da das Deutsche Reich für den geplanten finalen Schlag im Westen den Rücken freihaben wollte, ging es auf den russischen Vorschlag zur Aufnahme von Verhandlungen ein. Am 9. Dezember begannen die Gespräche in der russischen Festungsstadt Brest-Litowsk kurz vor der deutschen Frontlinie. Eine knappe Woche später trat der Waffenstillstand in Kraft.
Die erste Verhandlungsrunde „auf Augenhöhe
Während die deutsche Seite aufs Tempo drückte, verfolgte die russische Gesandtschaft eine andere Strategie. Sie setzte darauf, dass Deutschland und seine Verbündeten in absehbarer Zeit von den Westmächten besiegt werden würden oder aber in Berlin und Wien eine Revolution ausbräche und die alten Systeme hinwegfege. In beiden Fällen wäre der für Russland bevorstehende ungünstige Friedensschluss mit den Mittelmächten hinfällig. Daher befolgte der bolschewikische Politiker Leo Trotzki, der am 7. Januar 1918 die Leitung der russischen Delegation übernahm, eine Verzögerungstaktik, mit der er die Geduld vor allem der Militärs auf deutscher Seite arg strapazierte. Schließlich entzog sich der Volkskommissar auf spektakuläre Weise den immer drängender an ihn herangetragenen deutschen Friedensbedingungen. Ohne einen Vertrag zu unterschreiben, erklärte er den Krieg russischerseits für beendet und kehrte mit seinem Stab nach St. Petersburg zurück. Trotzki war zuversichtlich, dass die Deutschen die Kampfhandlungen nicht wiederaufnehmen würden. Sollten sie es dennoch tun, offenbarten sie damit den imperialistischen Charakter ihrer Politik und brächten das Proletariat im eigenen Land gegen sich auf, so sein Kalkül.
Der Weg zum Diktatfrieden
Trotzkis Rechnung ging nicht auf, und für die Bolschewiki rächte sich das bitter. Mitte Februar erklärte die OHL den Waffenstillstand für beendet und machte in kürzester Zeit umfassende Geländegewinne, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Als die Sowjetregierung sich nun zur Annahme der deutschen Bedingungen bereitfand, war es zu spät. Angesichts der neuen Lage verschärfte die deutsche Seite ihre Forderungen erheblich und räumte den Russen nur eine kurze Bedenkzeit ein. In dieser verfahrenen Lage verfolgte Lenin eine pragmatische Linie. Zur Konsolidierung ihrer labilen Macht, so Lenins Credo, brauchten die Bolschewiki dringend eine militärische „Atempause. Daher trat er von Anfang an für die Annahme der deutschen Bedingungen ein. Auf einer dramatischen Sitzung des Zentralkomitees am 23. Februar 1918 warf er dann alles in die Waagschale. Er drohte ultimativ mit seinem Rücktritt, sollten sich die meinungsstarken Befürworter eines revolutionären Verteidigungskriegs gegen Deutschland durchsetzen. Lenins Antrag ging knapp durch (sieben zu vier Stimmen bei vier Enthaltungen), und so konnte der Vertrag von Brest-Litowsk am 3. März 1918 unterzeichnet werden.
Didaktische Überlegungen
Schülerinnen und Schüler beider Sekundarstufen lernen die Auseinandersetzung innerhalb der bolschewistischen Führungsriege um die Unterzeichnung des Friedensvertrags als eine kardinale Entscheidungssituation für den Fortbestand des jungen Regimes kennen. Bei einer Abwägung der Positionen pro und kontra kommen sie zu einer eigenen Urteilsbildung und rezipieren schließlich eine aktuelle historische Gesamteinschätzung.
Arbeitsaufträge und Erwartungshorizont
Arbeitsaufträge und Erwartungshorizont
Arbeitsaufträge
Zu Material 1
1.Beschreibt und interpretiert die Karikatur.
Zu Material 2
2.Erläutert, warum Lenin den Vertrag als „unerhört beschreibt (vgl. Material 3B).
Zu Material 3A
3a. Gebt die...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen