9. – 10. Schuljahr

Heike Wolter

Volksrasierer, Volksempfänger, Volk und Gemeinschaft

Unkritische Erinnerung an die alltägliche Erfahrung in der Volksgemeinschaft

  • Wenn die BILD-Zeitung erfolgreich mit Produkten von der Volks-Zahnbürste über den Volks-Rasierer bis hin zur Volks-Rente wirbt …
  • Wenn der Politiker André Poggenburg von der AfD Sachsen-Anhalt Ende 2015 in einem Facebook-Beitrag gespielt naiv darauf hinweist, dass „Volksgemeinschaft ein „völlig unproblematische[r] und sogar äußerst positive[r] Begriff sei …
  • Wenn Zeitzeugen auch ohne die begriffliche Nutzung von Volksgemeinschaft die „gute alte Zeit beschwören, in der Zusammenhalt und Solidarität im Mittelpunkt gestanden hätten …
… dann zeigt sich eine Problematik des Begriffs der „Volksgemeinschaft.
Nachdem politische Grundlagen des Nationalsozialismus bereits seit vielen Jahren intensiv erforscht sind, wendet sich das wissenschaftliche und schulische Interesse deutlich der Gesellschaft in dieser Zeit zu. Das Lehrplanthema in der bayerischen Oberstufe „Hitlers willige Volksgenossen? verweist zentral auf diesen Zugriff, aber auch die Themen in der Sekundarstufe I der verschiedenen Schularten nehmen diese Frage in den Blick.
Dabei geht es weniger um Strukturen, als vielmehr um alltägliche Realität und Bindungskraft des Nationalsozialismus für allzuviele. „Wie konnte das passieren? Warum haben die Menschen mitgemacht?, fragen Schülerinnen und Schüler häufig. Auch Historiker beschäftigen diese Fragen. Eine der möglichen Antworten liegt in der Feststellung, es habe sich um eine „Konsensdiktatur gehandelt getragen von einer Mischung aus Zustimmung und Gehorsam gegenüber dem Konzept der Volksgemeinschaft (Gellately 2001). Eine andere Antwort nimmt eher auf die soziale Integrationskraft Bezug und sieht in der Volksgemeinschaft einen „Verheißungsbegriff, der von vielen Menschen nicht unbedingt politisch gedacht wurde (Bajohr/Wildt 2009).
Die Debatte um den Begriff der Volksgemeinschaft hat viele gegensätzliche Perspektiven aufgezeigt. Einig ist man sich und darauf baut die folgende Unterrichtsstunde auf , dass Volksgemeinschaft vor allem als „Volksbewusstsein wirkmächtig war. Und das, obwohl sie gerade keine soziale Wirklichkeit und oft auch nicht genau greifbar war. Gerade aber dieser diffuser Charakter machte sie anpassungs-, aneignungs-, ausdeutungs- und umsetzungsfähig für Menschen mit unterschiedlichen Identitäten. Sie erschuf ein imaginäres Gegenkonzept zum Individualismus, Parlamentarismus und zur Klassengesellschaft übrigens auch durch die Verbreitung staatlich initiierter und legitimierter Rituale (z.B. Eintopfsonntag), Denkweisen (z.B. „unwertes Leben) und für alle Sozialschichten erschwingbare Volksprodukte (z.B. Volksempfänger).
So kommen namhafte Historiker (z.B. Wildt 2017) zu dem Schluss, dass sich je nach Interesse und Situation ganz Unterschiedliches in die „Volksgemeinschaft inkludieren und auch daraus exkludieren ließ. Der Begriff konnte nationalistisch, antisemitisch und militaristisch ausgelegt werden, er konnte aber auch Gleichheitsvorstellungen, Leistungsgedanken oder Kameradschafts- und Gemeinschaftsideale in den Vordergrund stellen.
Andererseits definierte sich die Volksgemeinschaft nach außen deutlich bestimmter als nach innen über diejenigen, welche aus (pseudo)rassischen/rassistischen, völkischen und politischen Kriterien der damaligen Zeit aus ihr ausgeschlossen waren. Die Ausgrenzungsmechanismen funktionierten dabei teils sogar ohne ideologische Zielvorstellung des Einzelnen, der sich lediglich über den angeblich unpolitischen Charakter der Schicksalsgemeinschaft verbunden sah.
Mit Blick auf die Gegenwart lässt sich das Interesse an der „Volksgemeinschaft für den Geschichtsunterricht – aber nicht nur durch die historische Existenz des Begriffs bestimmen. Da die Begriffe „Volk und „Gemeinschaft heute zunächst einmal neutrale (wenn nicht gar teilweise positive) Beschreibungen sind, lohnt es sich im...

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