5. – 13. Schuljahr

Zugehörig oder ausgegrenzt?

Die NS-Volksgemeinschaftsidee als Thema in der Jugendliteratur

In der Jugendliteratur, die gegenwärtig zum Thema Nationalsozialismus den Buchmarkt prägt, lässt sich das Thema „NS-Volksgemeinschaft in zwei Facetten beobachten.
Eine schon längere Tradition besitzen Texte, die die Opfer in den Mittelpunkt stellen. Sie berichten über jugendliche Protagonisten, die unter Ausgrenzung und Verfolgung leiden, weil sie nicht zur rassisch und ideologisch definierten Volksgemeinschaft gehören. Dabei werden längst nicht mehr nur die jüdischen Opfer in den Blick genommen, sondern auch Sinti und Roma, Euthanasieopfer, Zwangsarbeiter und jugendliche Widerständler. Auch die Ausgrenzung von Homosexuellen ist kein Tabuthema mehr.
Die folgenden Rezensionen nehmen jedoch vor allem Romane in den Blick, die sich der Täterseite zuwenden. Es ist ein Trend, auch solche Figuren als Protagonisten zu wählen, die zumindest am Beginn der Handlung überzeugte Anhänger der NS-Ideologie sind und sich als „verdiente Mitglieder der Volksgemeinschaft verstehen. Im Verlauf der Handlung vollziehen diese Figuren meist im Zuge ihrer Adoleszenzentwicklung eine für sie durchaus gefahrvolle Abkehr. Gerade diese Romane ermöglichen jungen Leserinnen und Lesern Einblicke, wie das propagierte Gemeinschaftsgefühl in einer Zeit funktioniert haben könnte, in der Rassismus und Ausgrenzung ebenso an der Tagesordnung waren wie Massensuggestion.
Didaktisch wertvoll ist in allen hier vorgestellten Büchern, dass ihr Potenzial nicht auf einem einfachen Verständnis für die Figuren beruht. Die Romane bieten zwar durchaus Identifikationspunkte, die Empathie und Zugänge zur Gedankenwelt der Protagonsiten ermöglichen. Die größere Wirkung beruht aber insbesondere auf irritierenden Elementen, die den Leser immer wieder in eine kritische Distanz zu den Figuren bringen. Das regt ein Fremdverstehen an, das die Bedingungen der Zeit ebenso mitdenken lässt wie heutige Werte und Normen.
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Elisabeth Zöller hat sich in drei Romanen dem Nationalsozialismus gewidmet, die sich aus unterschiedlicher Perspektive mit der NS-Volksgemeinschaft beschäftigen. In „Anton und die Zeit des unwerten Lebens greift sie auf, dass zum Volksgemeinschaftskonzept auch der Ausschluss derer gehörte, die nach der biologistischen Logik der Nationalsozialisten nicht die Norm erfüllten. So erzählt der Roman einfühlsam und liebevoll von einem behinderten Jungen, der nach Ansicht der Nationalsozialisten ein ‚unwertes Leben führe.
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In „Wir tanzen nicht nach Führers Pfeife. Ein Tatsachenkrimi über die Edelweißpiraten verdichtet Zöller in ihren fiktiven Figuren die Geschichte von Jugendlichen, die sich nicht dem Konzept der Volksgemeinschaft unterordnen wollten. In ihrer Erzählung über eine Gruppe von Edelweißpiraten illustriert sie, was diejenigen erwartete, die sich dem HJ-Dienst entzogen, die die Uniform verweigerten, die andere Lieder singen wollten und die kurz gesagt ihre individuelle Freiheit nicht der Staatsjugend unterstellen wollten.
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In dem Roman „Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädel setzt sich die Autorin am stärksten mit den Wirkmechanismen des NS-Volksgemeinschaftsgedanken auseinander (siehe Unterrichtstipp). Eine Zeitzeugin habe sich mit dem Wunsch an sie gewandt, dass ihre Geschichte die letztlich eine Geschichte von Verführung, Erkenntnis und Widerstand ist heutigen Jugendlichen verstehbar gemacht werde. Das versucht Zöller am Beispiel ihrer fünfzehnjährigen Protagonistin Paula und deren Familie umzusetzen.
Der Roman beginnt mit einer Szene, in der Paula überglücklich ein Exemplar von „Mein Kampf mit einem Autogramm Hitlers verliehen bekommt. Sie ist gerade zur Schaftführerin ernannt worden und leistet pflichtbewusst ihren Dienst. Dafür findet sie auch in der Familie Lob und Anerkennung. Besonders ihr Vater, der mit der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten eine steile Karriere machen konnte, erkennt an, dass sie die...

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