10. – 13. Schuljahr

Dirk Fuhrmann/Philipp Kratz

Gemeinschaft durch Ausgrenzung?

NS-Antisemitismus und Volksgemeinschaft

Ausgehend von einem Beispiel antijüdischer Ausgrenzung („Rassenschande), analysieren und beurteilen die Lernenden mithilfe eines komplexen Aufgabensets Elemente und Folgen des NS-Antisemitismus für Vergemeinschaftungsprozesse innerhalb der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft in der Vorkriegsphase. Die Unterrichtssequenz endet mit einer historisch informierten Reflexion über die Bedeutung von Ausgrenzung in gegenwärtigen Vergemeinschaftungsprozessen.
„Volksgemeinschaft als soziale Praxis eine Kontroverse
In der vorliegenden Unterrichtssequenz wird ein Aspekt der aktuellen Forschungsdebatte um die „Volksgemeinschaft herausgegriffen. Im Zentrum steht die Leitfrage, ob Ausgrenzungsprozesse gegenüber Juden die Ausbildung einer „Volksgemeinschaft gefördert haben. Nach Michael Wildt habe vor allem die Ausgrenzung von „Gemeinschaftsfremden die angestrebte „Volksgemeinschaft für die „arische Bevölkerungsmehrheit erfahrbar gemacht, indem durch antisemitische Aktionen erst die Grenze zwischen „Volksgenossen und „Volksfeinden gezogen worden sei. Zudem habe jede antisemitische Aktion der Nationalsozialisten die „zuschauende Mehrheitsgesellschaft verändert: Antisemitische Praktiken hätten „die bürgerliche, rechtsstaatliche Ordnung zerstört und „die deutsche Nation in eine aggressive, rassistische Volksgemeinschaft transformiert (Wildt 2007).
Auf der anderen Seite betonen Historiker, wie Hans Mommsen oder Ian Kershaw, dass gewaltsame Ausgrenzungsmaßnahmen gegenüber Juden gerade Bürgerliche, die vielfach die Novemberpogrome ablehnten, dazu veranlassten, sich vom NS-Regime zu distanzieren (Mommsen 2010, Kershaw 2011). Dabei habe jedoch eine Missbilligung antisemitischer Gewalt nicht notwendigerweise mit der Ablehnung einer rechtlichen Diskriminierung korreliert.
Didaktische Überlegungen
Das Thema fördert in dreifacher Hinsicht historisches Lernen. Erstens ermöglicht die Leitfrage, dass die Lernenden ein Sachurteil formulieren. Zweitens eröffnet sie die Chance, Materialien auszuwählen, die den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bieten, den historischen Zusammenhang eigenständig zu rekonstruieren und zu beurteilen. Drittens ist die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft geeignet, eine Verbindung zu gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskussionen herzustellen: Diese gibt den Lernenden eine Gelegenheit, zu einem differenzierten Werturteil zu gelangen.
Die Unterrichtseinheit wird im Wesentlichen durch eine Lernaufgabe (Köster/Bernhardt/Thünemann 2016) strukturiert. Sie umfasst sieben Materialien, in denen aus unterschiedlicher Perspektive über die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft und über gegenwärtige Probleme gesellschaftlicher Ausgrenzung berichtet wird. Sie gehören verschiedenen Quellengattungen und Darstellungsarten an und können in Verbindung mit den Arbeitsaufträge und den Ergebnissicherungen die Lernenden v.a. hinsichtlich der Urteils- und Orientierungskompetenz fördern.
Die Unterrichtsdramaturgie
Die Sequenz setzt voraus, dass die Schülerinnen und Schüler den Aufbau des nationalsozialistischen Staates kennen und wissen, wie sich die NS-Herrschaft in den ersten Monaten etablieren konnte. Zudem sollten sie Entstehung und Motive des nationalsozialistischen Antisemitismus bereits erarbeitet haben. Die Bandbreite und Radikalisierung der Ausgrenzungsmaßnahmen erarbeiten sie in einer vorbereitenden Hausaufgabe (Material 1).
Einstiegsphase
Die Unterrichtseinheit besteht aus drei Unterrichtsphasen. In der Einstiegsphase, dem ersten Teil der Lernaufgabe, entwickeln die Lernenden die zentrale Fragestellung der Reihe. Sie werden mit zwei Bildern konfrontiert, auf dem ein „Rassenschande-Umzug abgebildet ist (Material 2). Anders als bei vielen anderen Bildern solcher „Prangerumzüge sind jedoch keine uniformierten Organisatoren zu erkennen. Es ist...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen