9. – 10. Schuljahr

Helene Albers

Exklusion aus der Volksgemeinschaft

Die „Euthanasie-Morde im inklusiven Geschichtsunterricht

In der nationalsozialistischen Rassenideologie war klar definiert, wer zur „Volksgemeinschaft gehörte und wer als „gemeinschaftsfremd ausgeschlossen und verfolgt wurde. Zu letzterer Gruppe gehörten Menschen mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen.
Organisierte Tötung
Die tödliche Exklusionsdimension Behinderung bzw. Krankheit darf bei der Betrachtung der „Volksgemeinschafts-Ideologie nicht außer Acht gelassen werden. In Europa fielen geschätzt 300.000 als auffällig, krank oder störend eingestufte Menschen dem „Dritten Reich zum Opfer, darunter viele Kinder (AB1a/b ). Wer von Ärzten als „minderwertig, „unheilbar bzw. „nicht arbeitsfähig (bei Kindern „nicht bildungsfähig) eingestuft wurde, kam nach Kriegsbeginn im Rahmen der „Aktion T4 in eine der sechs Gasmordanstalten (Grafeneck, Brandenburg, Hartheim, Pirna, Bernburg und Hadamar). Die Transporte dorthin fanden überwiegend in speziellen Bussen statt (Abb. 1).
Die Forschung charakterisiert die „Aktion T4 als eine „Generalprobe für den Holocaust; das Tötungspersonal wechselte zum Teil direkt in die Vernichtungslager. Ärzte bestimmten über den vermeintlichen „Wert oder „Unwert menschlichen Lebens und wurden unterstützt von Pflegekräften, „Leichenbrennern, Verwaltungsangestellten etc. zu Tätern. Nachdem sich Widerspruch regte, öffentlich artikuliert vor allem durch Bischof von Galen in Münster (AB2a/b ), wurden die zentralen Tötungsaktionen im Rahmen der „Aktion T4 eingestellt.
Das Morden ging aber in noch größerem Umfang weiter, allerdings dezentral in den Anstalten, wo die Patienten durch Hunger, Medikamente und systematische Vernachlässigung starben (Material 2, Material 4, Material 7). Die Akteure der „Euthanasie-Verbrechen erhielten nach 1945 oft nur geringe Strafen und konnten zumeist in ihren Berufen weiterarbeiten (Material 6, Material 7).
Gründe für die Mordaktionen
Warum kam es zum Massenmord an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen? Hier gibt es verschiedene Interpretationsansätze. Der Hauptgrund ist in der nationalsozialistischen Rassenideologie und -politik zu suchen, die auf die physische Vernichtung der Ausgegrenzten abzielte. Die „Euthanasie-Morde waren laut Forschung zwar nicht von langer Hand geplant, wohl aber eine logische Konsequenz der NS-Ideologie.
Der Zweite Weltkrieg hatte zudem eine Katalysatorfunktion. Die Knappheit der Ressourcen, insbesondere auch der medizinischen, führte dazu, dass Kranke und Behinderte, denen man das Menschsein absprach und die man als „nutzlose Esser und „Ballastexistenzen diffamierte, ermordet wurden. So konnte der dezentrale Krankenmord, wie er nach dem Ende der „Aktion T4 erfolgte, verheerende Ausmaße annehmen (Schmuhl 2010, 67, 73). Dies wirft die beunruhigende Frage auf, inwiefern sich Ähnliches wiederholen könnte und ob die Schwächsten der Gesellschaft schneller auf der Strecke bleiben, wenn „die Verteilungsspielräume enger und „aufgrund politischer Weichenstellungen die Ressourcen umgeschichtet werden (Schmuhl 2010, 67).
Warum wurden Ärzte zu Mördern? Ein Faktor waren die seit den 1890er-Jahren geführten Diskussionen über die Eugenik. Diese führte zwar nicht zwangsläufig zu den „Euthanasie-Morden, aber der Idee, dass die biologische Degeneration des „Volkskörpers eine Gefahr sei, der durch Selektion beizukommen sei, wohnte eine potentiell mörderische Tendenz inne.
Die Forschung diskutiert ferner, inwieweit es eine Kontinuitätslinie von der Weimarer Reformpsychiatrie zu den Anstaltsmorden gab. Ausgehend von den Biografien führender Psychiater (wie Valentin Faltlhauser; siehe AB3a/b ), fragt sie nach den Folgen eines Reformeifers, der Arbeitstherapie und offene Fürsorgekonzepte für „heilbare Kranke vorsah. Begünstigte dies nicht im Umkehrschluss die Ausgrenzung derer, die als „nicht gemeinschaftsfähig und unheilbar...

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