7. – 13. Schuljahr

Christian Bunnenberg

„Ein verkleinertes Modell

Die Inszenierung von Volksgemeinschaft in nationalsozialistischen Gefolgschafts- und Schulungslagern

Neben Konzentrations- und Vernichtungslagern errichteten die Nationalsozialisten auch sogenannte Schulungs- und Gefolgschaftslager. Dort wurden zwischen 1933 und 1945 Parteimitglieder, Angehörige der Gliederungen und angeschlossenen Verbänden der NSDAP sowie ausgesuchte Zivilisten beispielsweise angehende Juristen, Mediziner und Lehrer „weltanschaulich geschult und „ausgerichtet. Zu diesem Zwecke wurden temporäre „Schulungslager und feste „Schulungsburgen auf allen Ebenen der Parteihierarchie vom „Kreisschulungslager bis zur NS-Ordensburg eingerichtet und mit wechselnder Intensität betrieben.
Vor allem zwischen 1933 und 1939 war die Schulungs- und Erziehungswirklichkeit in den „Schulungslagern pragmatisch an der Tagespolitik ausgerichtet. Daneben spielten auch mittel- bis langfristige Perspektiven eine Rolle. So forderte eine parteiinterne Denkschrift von 1939 eine „totale Aktivierung mit dem übergeordneten Ziel, die Parteimitglieder und alle „Volksdeutschen geistig und körperlich im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu „neuen (deutschen) Menschen umzuformen, damit diese als „Gestalter einer neuen deutschen Zukunft die soziale und politische Utopie der „Volksgemeinschaft im „Dritten Reich Realität werden lassen sollten (Bundesarchiv NS 22/1128).
Inszenierung von „Volksgemeinschaft
Mit den nationalsozialistischen Erziehungslagern organisierte die NSDAP Orte, in denen temporär die weltanschauliche Idee der „Volksgemeinschaft in soziale Praktiken überführt und damit auch „erlebt und „gelebt werden konnte. Die Rahmenbedingungen für diese Inszenierungen volksgemeinschaftlichen Handelns erforderten bestimmte Orte, Tagesabläufe und Praktiken des Umgangs. Vor allem das körperliche Erleben und Wirken sollte die Aneignung nationalsozialistischer Wert- und Normvorstellungen und ihre Verankerung als Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensdispositionen befördern, um sie zur Grundlage für zukünftiges soziales Handeln im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung werden zu lassen.
Die Vorträge zu den zentralen Feldern der nationalsozialistischen Weltanschauung wie der Rassenlehre, der Blut-und-Boden-Ideologie oder dem Antisemitismus standen nur auf dem ersten Blick im Vordergrund der Erziehungsbemühungen. Diese Wissensvermittlung war in ein spezifisches soziales Setting des Lageralltags eingebunden, das vor allem aus gemeinschaftlichem Gestalten und Erleben desselben bestand: die Teilnehmer und Teilnehmerinnen waren in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, trieben gemeinsam Sport, aßen gemeinsam und fanden im Rahmen des zeitlich und räumlich begrenzten Lagerlebens zu einer Gemeinschaft zusammen, die sich von einem „Außen abgrenzte.
Diese Zweckgemeinschaft wurde durch das Tragen von Uniformen, im Fahnenkreis, beim gemeinsamen Singen von Liedern oder den Ausmärschen der Lagergemeinschaft aus der „Schulungsburg symbolhaft aufgeladen und als volksgemeinschaftliches Handeln verklärt. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sollte so nachhaltig ein positiver Eindruck vermittelt werden, den diese nach der Rückkehr aus dem Lager im Idealfall zur Richtschnur ihres alltäglichen Verhaltens machen sollten.
Didaktische Überlegungen
Eine zentrale Herausforderung bei der Beschäftigung mit nationalsozialistischem Erziehungshandeln stellt der Versuch einer Beantwortung der Frage nach den Wirkungen dar. Die partei-eigenen Quellen können dazu nur bedingt Auskünfte bieten. Fotografien (Material1), Tagesabläufe oder Lehrplanungen (Material 3) sind vielmehr Inszenierungen (Material 2) des gewünschten Verhaltens. Auch die Fahnen- und Tischsprüche sowie die geplanten Vortragsthemen (Material 3) lassen nur Rückschlüsse darauf zu, was von den Nationalsozialisten als effektiv für eine Erziehung und Schulung im Sinne ihrer Weltanschauung...

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