7. – 13. Schuljahr

Etienne Schinkel

„Davon haben wir nichts gewusst!

Die deutsche Gesellschaft und der Holocaust

„Davon haben wir nichts gewusst!, hieß es nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die meisten Deutschen stritten gegenüber den alliierten Besatzern vehement und pauschal ab, etwas von der Ermordung der Juden Europas in Erfahrung gebracht zu haben. Die nahezu gebetsmühlenartige Beteuerung, zur Tatzeit wirklich nichts gewusst oder auch nur geahnt zu haben, schützte dabei gewissermaßen prophylaktisch vor einer noch unangenehmeren Frage: Warum habt ihr nichts getan?
Die NS-Historiographie hat mittlerweile nachdrücklich die Legende von der Ahnungslosigkeit widerlegt (Bajohr/Pohl 2006, Longerich 2006, Dörner 2007). Wenn auch die Einzelheiten des Mordprogramms für die meisten unbekannt blieben (z.B. die konkreten Funktionsweisen der Vernichtungslager), konnte von einer strikten Geheimhaltung der Massenverbrechen keine Rede sein. Wer wollte, konnte sich die Wahrheit über den Holocaust aus verschiedenen Informationsquellen erschließen: im Rundfunk ausgestrahlte Reden von NS-Politikern, Zeitungsartikel, mündliche Berichte von Wehrmachtssoldaten, Angehörigen der SS, Ordnungspolizei oder anderen „im Osteinsatz beschäftigten Personen, Feldpostbriefe, alliierte Rundfunksendungen und Flugblätter etc.
Didaktische Überlegungen
Die qualitativen Befunde mehrerer empirischer Studien (z.B. Zülsdorf-Kersting 2007, Köster 2012) deuten darauf hin, dass Schülerinnen und Schüler aufgrund medialer Einflüsse und mündlicher Überlieferung im Verwandtenkreis zu einer weitgehenden Exkulpation der nichtjüdischen Mehrheitsbevölkerung neigen. Die Lernenden führten dabei die ausbleibende Hilfe für die verfolgten Juden u.a. auf die Unkenntnis der Deutschen vom Holocaust zurück. Andernfalls, so der Tenor, hätte es sicherlich größeren Widerstand gegeben.
Geschichtsschulbücher tragen meist wenig dazu bei, dieses unhistorische und verharmlosende Deutungsmuster der Jugendlichen diskutierbar zu machen. Häufig kommen die Verfassertexte über vage Andeutungen nicht hinaus. Die Arbeitsteile enthalten nur selten einschlägige Materialien (Schinkel 2015).
Der Unterrichtsbeitrag möchte daher Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, eine den Forschungsergebnissen der Geschichtswissenschaft nicht zuwiderlaufende Antwort auf die Frage nach dem damaligen Kenntnisstand der Deutschen zu geben. Dabei wird zweigleisig verfahren: Zum einen sollen die Lernenden erkennen, dass aufmerksame Zeitgenossen schon während des Krieges gut über den Völkermord informiert waren. Zum anderen soll anhand verschiedener Quellen herausgearbeitet werden, dass führende NS-Politiker immer wieder kaum verhüllt auf den Judenmord hinwiesen, selbst Angehörige des (engsten) Täterkreises trotz Verschwiegenheitspflicht ihren Familien, Freunden und Bekannten über die Gräueltaten berichteten und ausländische Rundfunkensendungen über die systematischen Massentötungen in den Vernichtungslagern informierten.
Unterrichtsdramaturgie
Der Einstieg erfolgt als stummer Impuls: Die Lehrkraft projiziert vier Zitate deutscher Zeitgenossen an die Wand, zu denen sich die Lernenden äußern sollen. Dabei handelt es sich um exemplarische Antworten auf die Frage „Haben Sie davon gewußt?, die der Schriftsteller Walter Kemposwki in den 1970er-Jahren auf seinen Lesereisen durch die Bundesrepublik vielen Hunderten von Menschen stellte (Material 1).
Daraus wird die Leitfrage der Unterrichtsstunde entwickelt: Was wussten die Deutschen vom Holocaust? Die Schülerinnen und Schüler werden daraufhin in einer ersten Erarbeitungsphase mit einem Tagebucheintrag eines einfachen „Volksgenossen konfrontiert, der weder über exklusive Kontakte verfügte noch jemals auch nur in die Nähe einer Exekutionsstätte kam (Material 2). Die Lernenden vergleichen in Einzelarbeit die privaten Aufzeichnungen mit den Zitaten und erkennen, dass man durchaus sehr viel, sehr genau wissen konnte.
Durch die Gegenüberstellung dieser...

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