5. – 13. Schuljahr

Steffen Barth

Leben in der Volksgemeinschaft

Die deutsche Gesellschaft im Nationalsozialsmus

Auch nach über 70 Jahren ist der Nationalsozialismus ein zentrales Thema im kommunikativen und kollektiven Gedächtnis der Deutschen. „So viel Hitler war nie, schrieb Norbert Frei schon vor über zehn Jahren. Seither hat sich daran kaum etwas geändert, im Gegenteil. Film und Fernsehen, aber auch Printmedien sorgen für eine nicht abreißende Präsenz der Thematik. Zugleich konstatierte Frei damals bereits eine „Zäsur in unserem Verhältnis zur NS-Geschichte (Frei 2005, S. 8), weil die Zeitzeugen nach und nach verschwinden. Der Nationalsozialismus ist inzwischen für die meisten Deutschen keine erlebte Vergangenheit mehr, sondern Geschichte. Damit ist die „Arena der Erinnerungen (Frei 2005, S. 7) eröffnet und es stellt sich die Frage, welches Bild vom Nationalsozialismus bleibt.
Sowohl in der Geschichtskultur als auch in der Fachwissenschaft zeichnet sich die Tendenz ab, dass immer stärker die deutsche Gesellschaft, der Alltag und das Handeln der Menschen im Nationalsozialismus in den Blick genommen werden. Die daraus folgenden Interpretationen könnten zum Teil nicht unterschiedlicher sein. Während in Produkten der Geschichtskultur in den letzten Jahren eine verstärkte Personalisierung zu beobachten ist und die Deutschen in der Erinnerung zunehmend entlastet und in der Rolle der Opfer von Hitlers Diktatur gesehen werden (vgl. Frei 2016b, S. 115), tragen die moderne Täterforschung und die Auseinandersetzung mit der Volksgemeinschaft dazu bei, die Aspekte der Integration, des Mitmachens und der Zustimmung in den Vordergrund zu rücken. Populistische Parteien und Bewegungen wie AfD und Pegida nutzen wiederum Begriffe wie Volksgemeinschaft und Volk, um Zugehörigkeit zu definieren, und versuchen, diese positiv zu besetzen. Die nationalsozialistische Vergangenheit und die Rolle der deutschen Gesellschaft in dieser Zeit sind also ein Thema, das die gegenwärtige Gesellschaft bewegt und Debatten auslöst.
Die NS-„Volksgemeinschaft als Ordnungsmodell und soziale Praxis
Lange Zeit war die NS-Gesellschaft eher ein Randthema der historischen Forschung. Erst in den letzten Jahren rückte mit der Analyse der sozialen Bindungskräfte unter dem Stichwort Volksgemeinschaft nach Frank Bajohr „endlich die NS-Gesellschaft in das Zentrum der Analysen zur NS-Herrschaft (Bajohr 2017, S.36). Untersuchungen zur NS-Volksgemeinschaft beschreiben sie zum einen als sozialpolitisches Ordnungsmodell und zum anderen als soziale Praxis. Neueste Studien zeigen, dass sowohl die Idee als auch die praktische Umsetzung eine erhebliche Anziehungskraft in der Bevölkerung hervorbrachten und damit eine Form der Gemeinschaft herstellten, die ein hohes Maß an Akzeptanz und Engagement hervorrief (vgl. von Reeken/Thießen 2013, Schmiechen-Ackermann 2012, Bajohr/Wildt 2009) und die nationalsozialistische Herrschaft damit stabilisierte. Diese Erkenntnisse tragen damit zur Klärung der zentralen Frage bei, warum sich das „Dritte Reich insbesondere im Holocaust derart radikal entfalten konnte. Ohne Blick auf die NS-Gesellschaft bleibt der Nationalsozialismus in wesentlichen Aspekten unverstanden.
Gedachte Ordnung
Die gedachte Ordnung der Volksgemeinschaft beschrieb als Gesellschaftsutopie die Idealvorstellung einer nationalsozialistischen Gesellschaft (vgl. hierzu auch Steber/Gotto 2017, S. 41 – 45). Diese sollte in einer Gemeinschaft der Volksgenossen bestehen, in der gesellschaftliche Unterschiede zwar nicht aufgehoben, aber bedeutungslos waren. Das Volk sollte zu einer Einheit werden (D. Süß/W. Süß 2008, S. 79 – 81) und der Einzelne sollte sich bedingungslos in den Dienst des Kollektivs stellen. Die Zugehörigkeit wurde dabei über die Rasse, d.h. biologistisch, begründet. Man wurde in die Volksgemeinschaft hineingeboren, und entscheidend waren körperliche Merkmale. Dazu gehörten die Deutschen arischer Abstammung, ausgeschlossen wurden...

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