5. – 13. Schuljahr

Dietmar von Reeken/Malte Thießen

Zwischen Krieg und Frieden

Ordnungsvorstellungen und Ordnungsversuche 1918 – 1923

2018 jährte sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Doch schon lange dient 1918 in Europa als Chiffre, um ein ganzes Zeitalter zu beschreiben. Schließlich war das Kriegsende zugleich der Beginn einer neuen Epoche, die in der Forschung nur noch selten als „Zwischenkriegszeit, sondern eher als neuer „Dreißigjähriger Krieg, als „Europäischer Bürgerkrieg oder als „Zeitalter der Extreme apostrophiert wird (Julien 2014, S. 15).
Auf den ersten Blick erscheint 1918 zwar mit dem offiziellen Waffenstillstand im Westen als formelles Ende des Weltkriegs. Tatsächlich aber markiert das Jahr den Beginn eines gleitenden, überaus konflikt- und folgenreichen Übergangs, der mehrere Jahre andauerte und erst im Laufe der 1920er-Jahre in eine relativ kurze und fragile Friedensperiode mündete. Dieses Phänomen eines „langen Nachkriegs galt nicht nur für Osteuropa, wo ganze Armeen unterschiedlicher europäischer Staaten um die Oberhand kämpften. Auch das Deutsche Reich war, ähnlich wie zur gleichen Zeit etwa Finnland, Russland und Irland, noch jahrelang Schauplatz ganz realer, erbitterter Kämpfe mit tausenden Toten. So zogen im Rheinland und in Westfalen noch lange nach Kriegsende Freikorps, „Rote Ruhrarmee und Reichswehrtruppen in einem bitteren Bürgerkrieg durch die Lande (Pöppinghege 2019). Und die französischen Besatzungstruppen am Rhein erweckten unter den Deutschen in den 1920er-Jahren den Eindruck, dass der Krieg keineswegs vorbei war (vgl. den Beitrag von Göschl).
In dieser Situation rangen in Europa und darüber hinaus ganz unterschiedliche Vorstellungen von staatlicher und überstaatlicher Ordnung miteinander um gesellschaftlichen Einfluss und politische Geltung vom Selbstbestimmungsrecht der Völker bis zu ethnozentrischen und rassistischen Überzeugungen, von Versuchen zur Schaffung demokratischer Strukturen bis zu autoritären und totalitären Umstürzen, von Friedenssehnsucht bis zu Revanchegelüsten und Kriegsverherrlichung.
Fachwissenschaftliche Herausforderungen
Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive kennzeichnen sechs zentrale Entwicklungen die Jahre von 1918 bis ca. 1923.
1. Andauernde Gewalterfahrung
Zwar begannen schon bald nach Ende der Kampfhandlungen in Mitteleuropa die Friedensverhandlungen in Paris. Neue Forschungen betonen aber, dass der „Große Krieg in mehreren Räumen nicht durch einen wie auch immer gearteten Frieden abgelöst wurde, sondern seine Fortsetzung nahm in Bürgerkriegen, Grenzkonflikten und bilateralen kriegerischen Auseinandersetzungen, u.a. in Russland, Ungarn, Finnland, Polen und im Baltikum (vgl. etwa Leonhard 2014, S. 938ff.).
Diese Auseinandersetzungen führten dazu, dass die Gewalterfahrungen sich fortsetzten oder gar steigerten: In den entsprechenden Regionen (Leonhard spricht von den „shatterzones der ehemaligen Großreiche, ebd., S. 941) wurden meist neue Staaten erheblich destabilisiert. Darüber hinaus wanderte der Krieg in den Köpfen vieler Soldaten zurück in die Heimat. Akteure mit Gewalterfahrungen (z.B. in Freikorps und Milizen) kehrten nach Beendigung der Kampfhandlungen in ihre jeweiligen Heimatländer zurück. Hier engagierten sie sich vor allem im Rahmen rechtsextremer Bewegungen und Parteien und stellten die jungen Demokratien in Frage (vgl. den Beitrag von Böttcher über Ernst von Salomon). Gleichzeitig hatten die Auseinandersetzungen Millionen von Flüchtlingen zur Folge (s.u.).
2. Regionale und globale Differenzen
Diese Perspektive deutet bereits darauf hin, dass beim „Weltkrieg und damit bei seinen Folgen viel stärker als bisher regional differenziert werden muss: Zunächst einmal fand dieser Konflikt anders als der Zweite Weltkrieg fast ausschließlich in Europa statt. Allerdings handelte es sich um einen europäischen Krieg mit globalen Auswirkungen. Einige klassische Imperien wurden zunächst gestärkt....

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