5. – 13. Schuljahr

Jugendbuchrezension: „Wir leben eben in schweren Zeiten

Nachkriegs(un)ordnung in der erzählenden Literatur

In Deutschland bedeutete das Ende des Ersten Weltkriegs nicht nur eine militärische Niederlage. Das politische System brach in sich zusammen. Wie sollte es jetzt weitergehen? Viele hofften auf einen Neuanfang im Zeichen von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit. Doch was genau unternommen werden sollte, darüber war man sich keineswegs einig. Wie sich die Nachkriegswirren auf das Leben und Denken der Zeitgenossen auswirkten, können die hier vorgestellten literarischen Texte eindrücklich verdeutlichen.
Zeit zu hassen, Zeit zu lieben
Willi Fährmanns Roman „Zeit zu hassen, Zeit zu lieben ist ein Klassiker auf dem Jugendbuchmarkt. Der vielfach ausgezeichnete Roman, der bereits 1985 erstmals erschien, erzählt aus der Sicht der „kleinen Leute von der Situation in Deutschland unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Hauptfiguren sind Paul Bienmann, gelernter Schlosser und ehemaliger Frontsoldat, und der 13-jährige Bruno Kurpek. Aus ihren Perspektiven erlebt der Leser die Zeit von 1919 bis 1923.
Mit dem Spartakusaufstand im Januar 1919 beginnt die Romanhandlung. Paul erkennt in einem der erschossenen Revolutionäre, ironischerweise bedeckt mit dem Transparent „Nicht schießen, Brüder!, einen Freund aus Kindertagen. Dessen Bruder Bruno kauert verzweifelt neben dem Opfer. Paul nimmt sich des Jungen zunächst aus Mitleid an, aber schon bald entsteht eine Freundschaft zwischen den beiden.
Das Leben im Frieden ist für beide nicht einfach. Bruno hat seine ganze Familie verloren und ist besessen vom Gedanken an Rache. Vor allem will er den Offizier finden, der seinen Bruder ermordet hat. Paul wiederum gelingt es nicht, sich in dieser Zeit großer Arbeitslosigkeit, politischer Unruhen, wirtschaftlicher Schwierigkeiten und ständiger Streiks eine gesicherte Existenz aufzubauen. Als er in Berlin keine Chance mehr sieht, geht er gemeinsam mit Bruno ins Ruhrgebiet. Nach vielen Rückschlägen findet er Arbeit auf einer Werft und eine Schlafstelle bei der Familie Reitzak.
Paul verliebt sich in die Tochter des Hauses, Franziska. Doch an eine Heirat ist nicht zu denken: Paul verdient nicht genug, um eine Familie ernähren zu können, und die Inflation 1923 verschlimmert die Lage noch mehr. Unverhofft erhält er ein Angebot, als Maschinenschlosser zu arbeiten – ausgerechnet dank der Fürsprache des ehemaligen Freikorpsoffiziers, der für den Tod von Brunos Bruder verantwortlich ist. Bruno kämpft mit sich: Soll er seinen Bruder rächen und damit Pauls und Franziskas Zukunft aufs Spiel setzen?
Der Roman endet versöhnlich und mit der Botschaft, dass Frieden und Ordnung erst dann einkehren, wenn der Hass überwunden ist. Das gilt im Kleinen für Bruno und im Großen für die zerstrittenen gesellschaftlichen Lager in Deutschland und für die gegnerischen Parteien des Weltkriegs. Bei aller Hoffnung auf eine ruhigere Zeit thematisiert der Roman, dass nicht alle Feindschaften überwunden sind und dass sich in München ein „Führer zu etablieren versucht, der Nationalismus und Autokratie der demokratischen Neuordnung entgegensetzt.
Willi Fährmann versteht es, die Geschichte einfühlsam und detailreich zu erzählen. So kann der Leser tief eintauchen in die Konflikte und Wirren der Zeit und über die Figurenkonstellation ganz unterschiedliche politische und weltanschauliche Perspektiven kennenlernen – von den Spartakisten über Monarchisten, Anhängern der SPD-Regierung und des Zentrums bis hin zu rechtsgerichteten Freikorpskämpfern. Ein Nachwort oder eine Einordnung der fiktiven Handlung in den historischen Hintergrund fehlt dem Roman leider. Lediglich ein Glossar zu den erwähnten historischen Personen zeigt die vorhandenen Vergangenheitsbezüge auf. Dennoch bietet sich das 350 Seiten lange Werk für lesebegeisterte Schülerinnen und Schüler als Begleitlektüre zum Unterricht ab der 9. Klasse bestens an.
Tatort Eden 1919
Auch Maja Nielsen...

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