5. – 13. Schuljahr

Jürgen Möller

„Eine Linie im Sand

Das Sykes-Picot-Abkommen und seine Folgen

Das Sykes-Picot-Abkommen gehört zu jenen historischen Dokumenten, die in der öffentlichen Diskussion regelmäßig Beachtung finden, im europäischen Geschichtsunterricht jedoch so gut wie nie thematisiert werden. Das ist erstaunlich, denn der Gegenwartsbezug ist in besonderem Maße gegeben. Erinnert sei nur an den propagandistischen Auftritt des „Islamischen Staats (IS) aus dem Jahr 2014, der auf dem Höhepunkt seines militärischen Erfolgs ausdrücklich Sykes-Picot als überwunden bezeichnete (siehe Material1). Dies beweist: In der Arabischen Welt ist das Abkommen im kollektiven Geschichtsbewusstsein sehr präsent.
Die meisten Darstellungen über den Vertrag sind sich einig: Er sei maßgeblich verantwortlich für die Krisen im Nahen Osten. Das Zustandekommen und das Verhalten der Akteure eine Mischung aus Geheimdiplomatie und gebrochenen Versprechen sowie rasch entstehenden Mythen (Lawrence von Arabien) bieten Raum für viele Spekulationen. Die Umstände des Abkommens legen eine Nahtstelle offen zwischen imperialistischer Diplomatie, dem beginnenden Aufbegehren der kolonialisierten Völker, der Entstehung eines arabischen Nationalismus und kurzfristigen taktischen Erwägungen im Ersten Weltkrieg. Diese Gemengelage führte zu jenem Ergebnis, für das Sykes-Picot bis heute als Chiffre dient.
Bei aller Vorsicht lassen sich die heutigen Probleme dieser multiethnischen Region kaum verstehen, kennt man nicht die willkürliche „Linie im Sand (James Barr 2012) als (eine) Ursache für viele nachfolgende Konflikte.
Der Vertrag
Auch wenn die klassische Charakterisierung des Osmanischen Reiches als „kranker Mann vom Bosporus mittlerweile zahlreiche Relativierungen erfahren hat (Reinowski 2006), ist dennoch unbestritten, dass es sich am Vorabend des Ersten Weltkrieges in einer Schwächeperiode befand. Anhaltende Krisen ließen es in den Augen konkurrierender europäischer Kolonialnationen als lohnenswertes Objekt für Annexionen erscheinen. Beim Eintritt in den Ersten Weltkrieg erwartete man auf alliierter Seite einen raschen Zusammenbruch.
Die Hauptlast an der osmanischen Front trug Großbritannien, das hoffte, den Gegner mit einem einzigen Überraschungsangriff in die Knie zwingen zu können. Die Landung bei Gallipoli im Februar 1915 endete jedoch in einem Fiasko. Es wurde deutlich, dass die Osmanen erheblich widerstandsfähiger waren als vermutet. Verschärft wurde die Lage dadurch, dass Sultan Mehmed V. im November 1914 als Nachfolger des Kalifen alle Muslime zum Dschihad gegen die Entente-Mächte aufgerufen hatte. Zwar fand dieser Aufruf nur wenig Widerhall, doch wurde er von der britischen Führung als eine Bedrohung für den Bestand des Empire angesehen. Aus dieser Lage ergaben sich zwei britische Strategien, die sich in der Folge gegenseitig bedingten und überlagerten:
Zum einen galt es, den französischen Alliierten bei Laune zu halten, der die Hauptlast des Krieges gegen das Deutsche Reich tragen musste. Die Franzosen befürchteten, bei der Verteilung der „spoils (Beute) so die verräterische Formulierung britischer Diplomaten zu kurz zu kommen. Zugleich sollten die Franzosen möglichst weit entfernt vom Suezkanal gehalten werden (vgl. Barr 2012, S. 22). Hierzu galt es, etwaige französische Gebietswünsche auf Regionen zu lenken, die in britischen Augen von geringerem Interesse waren. Anatolien, Syrien sowie der heutige Nordirak zählten dazu und eigneten sich deshalb als Verhandlungsmasse. Eine Sonderstellung nahm das Gebiet um Kirkuk (Nordirak) ein. Die hier vermuteten bzw. bereits nachgewiesenen Erdölvorkommen sollten unter britischen Einfluss kommen.
Andererseits galt es, den Versuch der Aufwiegelung der muslimischen Bevölkerung gegen die Entente abzuwehren. Hierzu bot sich eine Gelegenheit in Form eines Abkommens mit dem Sherifen von Mekka: Hussein ibn Ali führte seine Abkunft bis auf den Propheten Mohammed zurück und war der...

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