10. – 13. Schuljahr

Rebecca Quick

Ein karthagischer Frieden?

Urteile von Zeitgenossen und Historikern zum Versailler Friedensvertrag von 1919

Fast 100 Jahre nach seiner Unterzeichnung am 28. Juni 1919 ist der Versailler Vertrag unter verschiedenen Gesichtspunkten kontrovers beurteilt worden sowohl aus zeitgenössischer Perspektive als auch später von Historikern und Historikerinnen. Als „Diktatfrieden von den Revisionisten und einer breiten deutschen Öffentlichkeit bezeichnet, zeigte sich auf Seiten der Sieger beispielsweise John Maynard Keynes besorgt, dass ein „Karthago-Frieden nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa an einer wirtschaftlichen und moralischen Erholung enorm hindern werde.
Als im Januar 1919 Delegierte aus 32 Ländern unter Ausschluss der Besiegten als „Friedensmacher (MacMillan 2015, S. 10) unter hohem Erwartungs- und Zeitdruck in Paris zu Friedensverhandlungen zusammenkamen, standen sie vor einer äußerst komplexen Aufgabe: Interessen verschiedener Nationen mussten berücksichtigt und ausgehandelt, die Gegner bestraft und Ordnung (wieder-)hergestellt werden.
Nicht nur aufgrund ihrer geopolitischen Lage, sondern auch aufgrund ihrer Erfahrungsgeschichte ließen sich die „großen Drei Frankreichs Premierminister Georges Clemenceau (1841 – 1929), Großbritanniens Premierminister David Lloyd George (1863 – 1945) und der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (1856 – 1924) – von unterschiedlichen Zielen leiten.
  • Frankreich wollte künftig vor einem erneuten deutschen Angriff sicher sein und plädierte für die Errichtung territorialer Pufferstaaten und neue Grenzziehungen. Wirtschaftlich sollte Deutschland durch die Zahlung hoher Reparationszahlungen geschwächt werden.
  • Großbritannien hingegen warnte vor einem Machtvakuum in der Mitte Europas und wollte Deutschland wirtschaftlich nicht „ausbluten lassen. Den deutschen Kolonialbesitz hingegen sollte es nach dem Willen Großbritanniens an das Empire abgeben und seine imperiale Stellung verlieren.
  • US-Präsident Wilsons 14-Punkte-Programm wiederum sah eine Aufhebung der Handelsbeschränkungen, freie Seeschifffahrt und einen gerechten Frieden auf Basis des Selbstbestimmungsrechts der Völker und der Diplomatie vor.
In 440 Artikeln wurde ein Frieden ausgearbeitet, der Deutschland und seinen Verbündeten in §231 die alleinige Verantwortung für den Kriegsausbruch gab (s. relativierend Clark 2013, S. 18f.). Deutschland musste Gebiete wie Elsass-Lothringen und den Kolonialbesitz abtreten, eine hohe Summe an Reparationszahlungen leisten die letzte Rate wurde am 03.10.2010 getilgt (vgl. Die ZEIT 2010) und weitere militärische und wirtschaftliche Beschneidungen akzeptieren. Die Aufnahme in den Völkerbund wurde den Verlierern (zunächst) verwehrt. Bei aller Härte gab es aber auch Zugeständnisse; einige Bestimmungen wurden wenige Jahre später durch neue Verträge und Reformen gemildert (Young-Plan, Dawes-Plan, Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund).
Didaktische Überlegungen
Als gesellschaftliches „Schlüsselproblem (Klafki 1993, S. 29) besitzt die Frage nach Friedenssicherung gerade auch angesichts aktueller Konflikte Relevanz. Der nordrheinwestfälische Kernlehrplan sieht die Behandlung des Versailler Vertrages unter anderem im Inhaltsfeld 7 „Friedensschlüsse und Ordnungen des Friedens in der Moderne vor (vgl. KLP NRW 2014, S. 19, S. 33). Die Schülerinnen und Schüler sollen befähigt werden, „Grundsätze, Zielsetzungen und Beschlüsse der Verhandlungspartner von 1815, 1919 und 1945 sowie deren jeweilige Folgeerscheinungen (Ebd., S. 33, S. 42) erläutern zu können. Ferner sollen sie eine Beurteilung der Bedeutung des Kriegsschuldartikels für die Friedenssicherung in Europa vornehmen.
Eine Beurteilung des Versailler Vertrages ist somit voraussetzungsreich: Die Lernenden müssen inhaltlich mit dessen Bestimmungen und den unterschiedlichen Zielen der Siegermächte vertraut sein. Die meisten Schulbücher bieten Auszüge aus den Vertragsbestimmungen und den...

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