5. – 13. Schuljahr

Bernhard Böttcher

Die Volksabstimmungen 1920

„Heiligstes Recht der Völker oder Vertiefung alter Feindschaften?

Der Schriftsteller H.G. Wells spottete 1933 rückblickend, dass US-Präsident Woodrow Wilson 1918 begann, ein Messias zu werden, und aufhörte, ein Staatsmann zu sein (Knipp 2018, S. 154). Direkt nach dem Waffenstillstand wurde der US-Präsident jedoch gefeiert. In Paris stand bei seinem Eintreffen „Vive Wilson illuminiert an den Straßen und auch die Deutschen beriefen sich immer wieder auf den „Wilson-Frieden, der suggerierte, es werde schon nicht so schlimm kommen.
Es folgten ab Januar 1919 die Verhandlungen über die endgültige Ausgestaltung der Nachkriegsordnung, die dann im Versailler Vertrag formuliert wurden. Vielfach begannen erst jetzt die Streitigkeiten über Grenzziehungen. Die Verlierer nahmen nicht an den Gesprächen teil und Wilsons Maßgabe wurde nicht als flächendeckende Lösung und Legitimation durchgesetzt, sondern als Ausnahmemethode in „Problemgebieten.
Als Deutschland den Vertrag unterzeichnete, musste es daher nicht nur anerkennen, dass Wilsons 14 Punkte bei weitem nicht umgesetzt worden waren, sondern auch unvorbereitet Volksabstimmungen in verschiedenen Regionen akzeptieren: in Nordschleswig, Ost- und Westpreußen (Allenstein, Marienwerder) und Oberschlesien in den Jahren 1920/21 sowie im Saarland nach 15 Jahren.
Die Wahlkampfpropaganda im Spiegel der Plakate
In allen Fällen setzten die betroffenen Seiten große Hoffnungen auf die Abstimmung. Entsprechend groß war die Propagandaaktivität, d.h. das Bemühen, die Kommunikation von Gruppen im eigenen Sinne zu beeinflussen. Plakate dienten dabei einem möglichst hohen Verbreitungsgrad. Mit Bild- und Symbolsprache, die die Zeitgenossen kannten, sollte so eine nationale Identität beschworen werden.
Die Propagandisten gingen davon aus, dass in jedem ein Nationalgefühl steckte, was aber in Regionen schwierig war, in denen multiethnische Nachbarschaften und gemischte Familien jahrhundertelang ein Miteinander einübten. So fühlten sich z.B. die polnisch-sprachigen, aber evangelischen Masuren nicht als Polen. Dieses Dilemma drückt sich dadurch aus, dass Wahlplakate z.B. in Oberschlesien z.T. in der Sprache der eigentlichen Zielgruppe des Wahlgegners abgefasst waren.
Die Wahlkampfpropaganda lieferte Argumente, warum die eigene, zugeschriebene Nationalität und eine eindeutige staatliche Zugehörigkeit für die Zukunft der Region überlebensnotwendig waren. Es wurden dafür gezielt Klischees und Stereotype über „die anderen verwendet. So sollten die Wähler mobilisiert werden, sich gegen „das Fremde den Nachbarstaat zu entscheiden. Die Wahlplakate wollten dem Eigenen und dem Fremden „ein Gesicht geben (Jebsen, 2012, S. 30) und so Identifikation über Exklusion schaffen.
Wegen der besagten „Mischlage in den multiethnischen Regionen wurde ein vielfältiges Setting von Themen angeboten. Ging man vom historischen Recht auf ein bestimmtes Gebiet aus, setzte die Plakat-Strategie auf lange Tradition der Zugehörigkeit und Besiedlung (z.B. mit dem Motiv „Deutscher Ritterorden). Die Adressaten sollten auf ihr Erbe hingewiesen und damit ebenso wie mit dem Appell an die „Treue zur Wahl motiviert werden. Die eigene Geschichte, Kultur und Herkunft wurde aufgewertet, die der anderen Seite entsprechend abgewertet. Die Motive „Freiheit oder „Zerreißen der Ketten wurden ebenso wie Tier- oder Todessymbole verwendet.
Manchmal nahmen Plakate den (bösartigen, perspektivlosen) Nachbarstaat ins Visier und warnten sogar die Nachbarn in ihrer Sprache vor den Folgen einer „falschen Wahl. Dann wurden neben Klischees aktuelle wirtschaftliche, soziale (Arbeiterfürsorge) oder religiös-ideologische Themen herangezogen und Emotionen geweckt. Auf allen Seiten wurden Kinder instrumentalisiert, die jeweils ihre Eltern bitten, für sie und ihre Zukunft richtig abzustimmen.
Hinzu kamen eine aufgeheizte, z.B. in Oberschlesien gewaltbereite Stimmung,...

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