9. – 9. Schuljahr

Gerrit Dworok

Die Betrogenen?

Italien nach dem Ersten Weltkrieg

Für die parlamentarische Monarchie Italien boten sich im Ersten Weltkrieg drei Handlungsoptionen an: zum ersten wie zu Kriegsbeginn praktiziert Neutralität; zum zweiten ein Eingreifen auf Seiten der Mittelmächte; und zum dritten schließlich der Kriegseintritt in den Reihen der Entente.
1915 wählte Italien die dritte Option, wofür der parteiübergreifend tragfähige Konsens des sacro egoismo die Legitimation bildete. Das heißt: Der heilige Egoismus der Nation stand im Vordergrund. Die Befürworter argumentierten mit „unerlösten italienischsprachigen Gebieten in Tirol und an der Adria-Küste. Ferner schielte man auf italienischen Einfluss auf dem Balkan, der griechischen inselgruppe Dodekanes und in nordafrikanischen Territorien.
Der Kriegseintritt führte das Land jedoch in eine Existenzkrise. Im Verlaufe von elf Alpenschlachten in der Isonzo-Region konnte zwischen 1915 bis 1917 keine Entscheidung herbeigeführt werden, bis in der zwölften Auseinandersetzung zwischen italienischen und österreichisch-deutschen Verbänden bei Caporetto (Oktober 1917) die italienische Front zusammenbrach. Erst an der Piave konnte eine neue Front gebildet werden, deren blutige Verteidigung den Kollaps Italiens verhinderte. Die Truppen der Mittelmächte waren bereits demoralisiert und in Auflösung begriffen, als Italien im Oktober 1918 bei Vittorio Veneto eine erfolgreiche Gegenoffensive startete und somit noch siegreich aus dem Krieg hervorging.
Ein getrübter Sieg
Dieser Sieg wurde von mehreren Faktoren getrübt:
  • Erstens hatte Italien über 650.000 Gefallene sowie mehr als eine Million Verwundete zu betrauern.
  • Zweitens konnten in den Nachkriegsverhandlungen von Paris die erwünschten Gebietsgewinne nicht vollumfänglich erzielt werden. Bald machte die Floskel des faschistischen Schriftstellers Gabriele DAnnunzio einer vittoria mutilata (eines „verstümmelten Sieges) die Runde. Viele Italiener, allen voran die Bewegung des Faschismus, behaupteten daher einen Betrug seitens der Großmächte.
  • Drittens zeigte sich, dass der nationalistische Kriegseifer und Siegestaumel nicht zu überdecken vermochte, was Italien seit seiner Staatsgründung 1861 innenpolitisch bedrohte. Der junge Nationalstaat war durch ein wirtschaftliches sowie mentales Nord-Süd-Gefälle geprägt, wobei der Norden eine ökonomisch untermauerte Identität der Überlegenheit entwickelte, während der Süden als wirtschaftlich und politisch schwacher Teil galt.
Diese Entwicklungen, so schablonenhaft sie auch beschrieben sind, stellten Italien vor Probleme und manifestierten sich nach dem Krieg in einer handfesten Wirtschaftskrise. Beim Königtum Italien handelte es sich ferner um eine konstitutionelle Monarchie, in der ein Parlament das Sagen hatte, das lange Zeit lediglich 7% der Italiener repräsentierte. Aktives Stimmrecht besaßen Männer, die des Lesens und Schreibens mächtig waren, das 25. Lebensjahr vollendet hatten und eine jährliche Steuerleistung von 40 Lire erbringen konnten.
Dies änderte sich zwar mit dem Wahlrechtsgesetz von 1912, das immerhin 24% der Bevölkerung erfasste. Von einer Repräsentation des Volkes konnte (und sollte) allerdings noch immer nicht gesprochen werden. Vielmehr ist ein elitärer und spezifische Bevölkerungsgruppen ausschließender Parlamentarismus zu konstatieren, der insbesondere zwischen 1919 und 1922 keine stabilen Mehrheiten mehr zu Stande brachte. Es waren die Faschisten, die unter Führungspersönlichkeiten wie Gabriele DAnnunzio und Benito Mussolini in diese Kerbe schlugen und mit wachsendem Erfolg einen gewaltsam-populistischen Politikstil entwickelten, bis 1925/26 die faschistische Diktatur etabliert war. Die Faschisten verstärkten die Staatskrise entscheidend und zogen aus ihr den größten Profit. Ihre Etablierung ist demnach ein sowohl außenpolitisch als auch innenpolitisch bedingter Vorgang gewesen und kann als radikaler System- und Strukturwandel im Nachgang...

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