11. – 13. Schuljahr

Matthias Blom

„Wo aber der Fortschrittsmensch die Herrschaft antrat …“

Zeitgenössische Wahrnehmungen der Lebenswelt im Spannungsfeld zwischen Zivilisationskritik und Fortschrittsoptimismus

Tiefgreifende Veränderungen auf technischer, ökologischer und sozialer Ebene als Folge der Hochindustrialisierung sind unverkennbare Kennzeichen des Wilhelminischen Kaiserreiches. Die einhergehende Modernisierung und Urbanisierung beeinflusste die Lebenswelt und das Bewusstsein ihrer Zeitgenossen auf verschiedenste Art und Weise. Vor allem in den „Großstädten des Reiches entstand eine neue Lebenswelt mit eigenen Rhythmen, voller Hektik und Nervosität (Berg 1991, S. 4).
Der Wandel des eigenen kulturellen und sozialen Umfelds wurde zeitgenössisch kontrovers rezipiert und führte zu einer Vielzahl literarischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Publikationen. Ebenso entstanden im Geflecht dieser Bedingungen verschiedene Gegenentwürfe, die sich unter dem Begriff der Lebensreform zusammenfassen lassen. Im Gegensatz zu dem weit verbreiteten Glauben an den technischen Fortschritt propagierten z.B. die Anhänger der Nacktkultur als Reaktion auf die Krisen jener Zeit den Nutzen der „Nacktheit für Gesundheit und Gesellschaft und verbanden ihre Forderungen mit dem allen Lebensreformern gemeinsamen Ziel einer Rückkehr zur Natur. Neben diesen Bestrebungen zur Erholung des körperlichen und seelischen Wohlbefindens tauchen in den Publikationen einiger Lebensreformer, wie in denen von Richard Ungewitter, auch rassistische und antisemitische Tendenzen auf, sodass an dieser Stelle vor einer romantischen Verklärung der Bewegung gewarnt werden sollte. Dass es sich bei den Ideen der Lebensreformer nicht ausschließlich um Meinungen Einzelner handelte, verdeutlichen die kommerziellen Erfolge der publizierten Schriften der Lebensreformer.
Didaktische und methodische Überlegungen
Digitalisierung, Klimawandel und Elektromobilität sind nur einige Beispiele für Prozesse, die unsere gegenwärtige Lebenswelt beeinflussen und zu kontroversen Debatten über technischen Fortschritt und dessen Folgen führen. Auch heutzutage erwachsen aus diesen Diskussionen neue Denkanstöße und Lebensentwürfe, die Parallelen zur historischen Lebensreform aufweisen. Veganismus, Vegetarismus, ökologische Landwirtschaft und Upcycling implizieren immer auch Kritik an gegenwärtigen Verhältnissen und traten in ähnlichen Formen bereits in der Vergangenheit auf.
Die Thematik bietet sich somit an um auf diese Gegenwartsbezüge hinzuweisen und deren didaktisches Potenzial zu nutzen, indem z.B. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen gegenwärtiger und historischer Debatte erarbeitet werden. So soll deutlich werden, dass nicht nur Kontinuitäten zwischen der gegenwärtigen Lebenswelt und vergangenen Modernisierungsprozessen, sondern auch Parallelen zwischen heutigen und damaligen Denkmustern bestehen. Die gegensätzlichen Wahrnehmungen der zeitgenössischen Entwicklungen sind überdies charakteristisch für die tiefen Gräben, die sich in der wilhelminischen Gesellschaft auftaten, sodass im Zuge der Erarbeitung exemplarisch auf jene gesellschaftlichen Differenzen und Problemstellungen hingewiesen werden soll. Als Voraussetzung für die Stunde ist Sachwissen über die Auswirkungen der Hochindustrialisierung auf verschiedenen Ebenen notwendig, dieses sollte möglichst in der vorangegangenen Stunde erarbeitet worden sein. Neben dem Kompetenzerwerb auf Sachebene fokussiert diese Unterrichtseinheit die Anbahnung einer differenzierten Urteilskompetenz. Beide Schwerpunkte werden thematisch z.B. im Kernlehrplan NRW im Kontext der Beschreibung einer veränderten Lebenswirklichkeit und der Erörterung des Fortschritts-begriffs eingefordert (Vgl. Kernlehrplan NRW S.30 – 31).
Unterrichtsdramaturgie
Die für die Erarbeitungsphase relevanten Gegensätze zwischen Fortschrittsoptimismus und Zivilisationskritik sollen im Zuge des Unterrichtsgesprächs über die Eingangszitate (Q1...

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