1. – 13. Schuljahr

„Es gibt kein Leben ohne Liebesgeschichte

Monika Rox-Helmer Jugendromane über den Alltag im Kaiserreich

Klaus Kordon, der den Jugendroman „Im Spinnennetz geschrieben hat, antwortete in einem Interview auf die Frage, warum in seinen Jugendromanen immer auch eine Liebesgeschichte enthalten sei: „Es gibt ja kein Leben ohne Liebesgeschichte, sonst wären wir ja alle nicht da. Liebe ist folglich ein Thema, das zum Alltag einfach dazugehört, auch zum historischen Alltag. Liebesgeschichten in der geschichtserzählenden Jugendliteratur sollten deshalb keineswegs nur als adressatenorientierte Strategie verstanden werden, die für jugendliche Leserinnen und Leser einen emotionalen Zugang zur Geschichte ermöglichen.
Das Thema bietet viel didaktisches Potenzial, die Andersartigkeit vergangenen Alltagslebens zu verdeutlichen. Wenn der Leser oder die Leserin während der Lektüre die Rahmenbedingungen der dargestellten Zweierbeziehung mit den Strukturen der Gegenwart vergleicht, wird für ihn und sie eindrücklich, wie sich Zeiten und Gesellschaften unterscheiden. So können Liebesgeschichten, die im Kaiserreich spielen, zeigen, welche Liebesbeziehungen möglich, nur unter Schwierigkeiten möglich oder gar nicht möglich sind, und damit tiefe Einblicke in die Gesellschaft der Zeit geben. Heutige Leserinnen und Leser werden den historischen Alltag und die Umgangsweisen zwischen den unterschiedlichen Gruppen, wie sie in im Folgenden rezensierten Romanen als normal für die Zeit geschildert werden, als diskriminierend, sexistisch oder sogar rassistisch charakterisieren. Das kann didaktisch wertvolle historische Fragen aufwerfen, die zu weiteren Recherchen anregen.
Gabriele Beyerlein gibt mit ihrer Berlin-Trilogie einen tiefen Einblick in das Leben von Frauen im Kaiserreich um 1900. Die Bände sind nur sehr locker miteinander verbunden und können alle drei auch einzeln gelesen werden.
Der dritte Teil Es war in Berlin erzählt aus zwei Perspektiven, die sich gesellschaftlich diametral gegenüberstehen, aber dennoch und das macht die Spannung des Romans aus miteinander verwoben sind. Er zeigt über seine beiden Protagonistinnen das Kaiserreich als Klassengesellschaft, aber auch als Männergesellschaft.
Kapitelweise abwechselnd wird einmal die Fabrikarbeiterin Clara fokussiert, die mit ihrer Familie in einem düsteren Hinterhof immer von Hunger und Wohnungslosigkeit bedroht lebt; zum anderen wird aus der Perspektive von Margarethe von Zug erzählt, die aus einer alteingesessenen Adelsfamilie stammt und in der Villa ihrer Eltern in die gesellschaftlichen Pflichten eingeführt wird. Beide Figuren eint, dass sie in ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Stellung gefangen sind und dass der Wunsch, aus den bestehenden Verhältnissen auszubrechen, ihre Position in der Familie und ihre Lebenseinstellung jeweils entscheidend verändert. Die Handlungsstränge um die beiden Protagonistinnen kreuzen sich, als Margarethe für einen Wohltätigkeitsverein eine bedürftige Frau in Claras Hinterhof besucht und zum ersten Mal mit dem Elend der unterbürgerlichen Schicht konfrontiert wird. Sie ist schockiert, dass eine junge Mutter mit ihren Kindern in einem feuchten Kellerraum lebt und selbst unter der Mithilfe der Kinder bei der Heimarbeit das reine Überleben nicht sichern kann. Sie muss erkennen, dass ein Menschenleben in diesen Verhältnissen nichts zählt und dass auch sie nicht in der Lage ist, diesen Menschen zu helfen. Das stürzt sie in eine Depression, aus der sie nur langsam, aber so gestärkt herauskommt, dass sie sich ganz der Wohltätigkeitsarbeit verschreibt.
Die Lebenswege von Margarethe und Clara treffen sich im weiteren Verlauf wieder, weil beide den gleichen Mann lieben: Johann Nietnagel, der seine bildungsbürgerliche Karriere aufgegeben hat, um sich als Sozialist der naturalistischen Dichtkunst hinzugeben. Margarethe lernt ihn bei einem von ihrer Mutter arrangierten Literaturabende kennen, bleibt aber zunächst wegen seiner...

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