8. – 10. Schuljahr

Michael Kolbenschlag

Ein Reich, viele Lieder?

Identitätspolitik und Identitätsprobleme im Kaiserreich am Beispiel der Variationen des Liedes Heil dir im Siegerkranz

„Wir tragen alle die nationale Einigung im Herzen, aber für den rechnenden Politiker kommt zuerst das Notwendige und dann das Wünschenswerte (nach: Haffner 2015, S. 42), so zurückhaltend äußert sich Otto von Bismarck im Mai 1868 als Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes. Und auch die Reichsgründung von 1871 lässt nationalpatriotische Emphase weitgehend vermissen: Insbesondere Bayern, Württemberg, Sachsen und Baden behalten, in ‚Reservatrechten zugesichert, ein gewisses Maß an Souveränität.
Charakter des Deutschen Reichs
Zwar lässt sich also von einer preußischen Reichsgründung sprechen, auch von einem preußisch geprägten Reich, dieses Reich hatte jedoch einen föderativen, beinahe staatenbündlerischen Charakter. Keinesfalls aber war die Politik des Kaiserreichs a priori nationalistisch geprägt. Schon Sebastian Haffner hat darauf verwiesen, dass das Bismarck-Reich mit Blick auf die politische Stimmung „kein glückliches Reich gewesen sei, sondern vielmehr „eine Periode der Gehemmtheit und Unzufriedenheit aller politischen Kräfte (Haffner 2015, S. 83). Etwaiges Nationalpathos wurde durch die ökonomischen Probleme und innenpolitischen Zerwürfnisse der Bismarck-Jahre schnell ausgenüchtert, der Nationalstaatsgedanke wurde im Spannungsfeld der nicht vollumfänglich befriedigten Aspirationen der Nationalbewegung und der distanzierten, mitunter preußenkritischen Haltung der zentralismuskritischen Partikularstaaten zerrieben.
Erst die Andeutung einer kolonialistischen, imperialistischen Politik unter Kaiser Wilhelm II. die Bereitschaft, Weltpolitik zu betreiben bewirkte eine atmosphärische Veränderung. 1892 bestimmte Wilhelm II. die Nationalflagge, 1897 erhielten die Angehörigen der Armee ein gemeinsames Zugehörigkeitszeichen und insbesondere die Flottenpolitik stärkte das aufkommende Nationalgefühl noch.
Identitätsprobleme im Reich
Der imperialistische Umschlag der deutschen Politik nach 1890 hängt mithin auch mit dem Identitätsdefizit im frühen Kaiserreich zusammen. Die Kolonialpolitik und imperialistische Nationalpolitik bis hin zum sog. ‚Augusterlebnis der Reaktion der deutschen Bevölkerung auf die Kriegserklärungen im Sommer 1914 können nur vor dem Hintergrund der Identitätsprobleme im Kaiserreich der Bismarck-Zeit richtig eingeordnet werden. Schwierig allerdings mutet es an, diese für das Verständnis der politischen Entwicklungslinien im Kaiserreich so wesentlichen Zusammenhänge stringent aus einem Quellenensemble herauszuarbeiten zumal sich ‚Identität und ‚Stimmung als politische Kategorien nur schwer greifen lassen. Eine Quellengattung, die bisweilen vernachlässigt wird, sind historisch-politische Lieder: Diese können als Stimmungsbilder durchaus auch Einblicke in die mentale Verfasstheit einer Gesellschaft geben und nicht zuletzt spielen sie im Kontext der Identitätsbildung oder Identitätskonstruktion eine gewichtige Rolle.
Identitätsstiftung(en) im Lied
Das Lied Heil dir im Siegerkranz, von 1775 bis 1871 eine preußische Volkshymne, avancierte nach der Reichsgründung zur Kaiser- und quasi inoffiziellen Nationalhymne. Typischerweise wurde es im Rahmen von offiziellen und halboffiziellen Anlässen oder auch in der Schule gesungen. Es war dem Kaiser, dem Repräsentanten des Reichs, gewidmet und sollte so eine dezidiert identitätsstiftende Funktion erfüllen: „Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands! Heil, Kaiser, dir!
Die Identitätsprobleme des Kaiserreichs spiegeln sich nun aber darin, dass viele Teilstaaten des Reichs dem Lied kritisch gegenüberstanden sukzessive entstanden sogar Umdichtungen, die jeweils die „Partikularidentität des jeweiligen Teilstaates akzentuierten. In Bayern („Heil unserem König, Heil, lang leben sei sein Teil), in Württemberg („Heil unserm König, Heil. Heil unserm...

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