11. – 13. Schuljahr

Miriam Grabarits

Das Fahrrad

Wegbereiter der Emanzipation der Frauen?

„Ich sehe nicht ein, warum ein Fahrrad nicht ebenso gute Gesellschaft leisten kann wie die meisten Ehemänner nach zwei Jahren []. Wenn es schäbig oder alt wird, kann man es versetzen und ein neues nehmen, ohne die ganze Gemeinde zu schockieren war am 17. August 1895 im Minneapolis Tribune zu lesen. Autorin war Ann Strong, die hier klar Position zum Fahrrad bezog. Zeitgleich befand sich eine andere Radfahrerin aus Boston auf dem Rückweg von einer Weltumrundung mit dem Rad: Anna Kopchovsky, besser bekannt als „Annie Londonderry, zu der sie als Werbeträgerin des Mineralwassers Londonderry wurde. Sie war die erste Frau, der dies gelang. Aber nicht nur in den USA fuhren Frauen früh Rad: In Frankreich, Großbritannien und dem Deutschen Kaiserreich waren ähnlich wagemutige Charaktere am Werk. Als kaiserzeitliche Radpionierin gilt Amalie Rother, die sich engagiert immer wieder auch in die zeitgenössische Diskussion um das Radfahren der Frauen einbrachte einem (Streit-) Thema, das gerade in den Jahren von 1895bis1900 große öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr.
Heutigen Lernenden kann es die dynamischen Wandlungsprozesse in Technik, Infrastruktur, Geschlechterbeziehungen und Medienlandschaft konkret und anschaulich machen. Es ermöglicht ihnen außerdem einen lebensweltlicheren Zugang zur Zeit, denn: Wer fährt heutzutage nicht Rad?
Sachanalyse
In die Zeit um 1900, in der sich das Verhältnis zwischen traditionell konservativer Gesellschaftsordnung und vielfältigen Modernisierungsprozessen des Kaiserreiches besonders im städtischen Raum zunehmend spannungsreicher gestaltete (Flemming 2010, S. 357f.), fällt auch die Verbreitung des Fahrrads, das „zugleich Ausdruck und Resultat des modernen Zeitalters (Ebert 2010, S. 61) war.
Anfangs nur wohlhabenden, bürgerlichen Kreisen, später auch der breiteren Bevölkerung zugänglich, ist das Fahrrad als Symbol einer neuen, individuellen und männlichen Freiheit zu deuten. Frauen, die diese Freiheit auch für sich beanspruchten, standen im Widerspruch zu damals geltenden Wertvorstellungen und Konventionen, ja sie handelten manchen Zeitgenossinnen und -genossen gemäß gar gegen ihre „weibliche Natur. Eine Frau, die dennoch mit dem Radfahren begann, wurde mit sittlichen Vorurteilen bedacht und als „Mannweib bezeichnet auch weil sie zum Radfahren den Rock gegen „die Unaussprechlichen (Hosen) tauschte. Von medizinischer Seite wurden ihr anfangs schwere negative Folgen prognostiziert: mit Krankheiten der Unterleibsorgane, Schäden am Nervensystem und Menstruations- sowie Geburtsbeschwerden sei wenigstens zu rechnen. Rad fahrende Frauen vollzogen also gleich auf mehreren Ebenen einen deutlich sichtbaren Bruch mit den bis dahin für sie geltenden Verhaltens- und Körpernormen.
Radfahrerinnen in den Medien
Die zeitgenössische Literatur, Zeitschriftenartikel, medizinische Abhandlungen und philosophische Betrachtungen griffen das Motiv Rad fahrender Frauen verstärkt auf (Ebert 2010, S. 31). Hinzu kam deren Rezeption durch die damals wirkenden Künstlerinnen und Künstler in grafischen Arbeiten oder auf Werbeplakaten. Über das Format der „Illustrierten, einem Produkt der Zeit, das sich die neuartigen technischen Illustrations- und Reproduktionstechniken zunutze machte, fanden diese Arbeiten breiten Absatz; dargestellt wurden stolze und manchmal nymphenartige Radfahrerinnen, ebenso wie groteske Frauengestalten als „Mannweiber im Hosenanzug und mit Zigarette im Mund. An der Radfahrerin schieden sich die Geister (ebd., S. 31).
Fahrrad und Emanzipation
War das Fahrrad aber auch ein emanzipatorischer Faktor bei der sich ebenfalls um 1900 formierenden Frauenbewegung, wie heute oft behauptet wird? War es gar Wegbereiter der Frauenemanzipation? In der Forschungsliteratur fallen die Antworten auf diese Fragen kontrovers aus. Auffällig ist, dass bei zahlreichen Autorinnen und Autoren eine Bestimmung...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen