12. – 13. Schuljahr

Gerrit Dworok

Clios Zwiespalt

Über die politische Dimension der Geschichtswissenschaft am Beispiel Migration

Im Herbst 2018 wurde auf dem 52. Historikertag in Münster die „Resolution des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie verabschiedet. Im Kontext des weltweit erstarkenden Nationalpopulismus sowie insbesondere der AfD in Deutschland entschied sich eine Mehrheit der Mitgliederversammlung des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD), aus dem Verband heraus ein Zeichen für die Bewahrung politischer Kultur und demokratischer Ordnung zu setzen.
Beide für Demokratien lebensnotwendige Aspekte seien durch rechtspopulistische Bewegungen in Gefahr geraten und müssten geschützt werden. Der Verband fordert diesbezüglich fünf Grundlagen des demokratischen Miteinanders ein:
  • eine historisch sensible Sprache
  • eine pluralistische Streitkultur
  • eine proeuropäische und anti-nationalistische Politik
  • eine humane Migrationspolitik
  • eine kritische Aufarbeitung der Geschichte.
Die historische Bewertung von Migration
Auf der Mitgliederversammlung des VHD entbrannte über Inhalt und Form der Resolution ein Konflikt, der sich insbesondere auch um die Frage der historischen Bewertung von Migration handelte. Zu dieser heißt es in der Resolution wörtlich:
Für Humanität und Recht, gegen die Diskriminierung von Migranten
Migration ist eine historische Konstante. Ungeachtet aller mit ihr verbundenen Probleme hat sie die beteiligten Gesellschaften insgesamt bereichert auch die deutsche. Deshalb ist auf eine aktive, von Pragmatismus getragene Migrations- und Integrationspolitik hinzuarbeiten, die sowohl die Menschenrechte als auch das Völkerrecht respektiert. Es gilt, das durch die Verfassung garantierte Recht auf politisches Asyl sowie die Pflicht zur Hilfeleistung in humanitären Krisensituationen so anzuwenden, wie es Deutschland nicht nur aufgrund seiner ökonomischen Potenz, sondern auch aus historischen Gründen zukommt (VHD 2018).
Migration wird also zu Recht als historische Konstante beschrieben, die hier befindet sich die Resolution allerdings bereits im Bereich der politisch wirksamen Interpretation insgesamt positive Wirkungen für die Aufnahmegesellschaften entfalte. Für Deutschland als wirtschaftlich potentes Land mit einer belasteten Vergangenheit gebiete sich eine aktive und dem Humanismus verbundene Migrationspolitik.Kritiker der Resolution haben diesbezüglich die politische Funktionalisierung der Geschichte moniert. Neben anderen Kritikpunkten wurde betont, dass ein anthropologisch konstantes Phänomen wie Migration weder in der Tendenz als positiv noch als negativ beurteilt werden könne, ohne dabei unwissenschaftliche Verfälschungen vorzunehmen. An Fallbeispielen orientierte Vergleiche seien fruchtbar, gerade Historiker müssten jedoch von pauschalen und politisch grundierten Bewertungen absehen (vgl. Hoeres 2018). Die Befürworter der Resolution, die sich im VHD in der deutlichen Mehrheit befinden, haben diese Kritik zurückgewiesen. Eine ‚humanistische Migrationspolitik sei eines von mehreren Elementen, „auf deren Basis auch eine freie und nicht politisch gesteuerte geschichtswissenschaftliche Forschung möglich ist (Bösch/Paulmann 2018)
Didaktischer Zuschnitt Vertiefung auf erhöhtem Niveau
Der hier angerissene Gegensatz, der nach dem Münsteraner Historikertag in bundesdeutschen Leitmedien wie der FAZ sowie auf Internetseiten wie Twitter und Public History Weekly öffentlichkeitswirksam weiter vertieft wurde, illustriert anhand des Gegenstandes der Migration exemplarisch die grundlegende Frage nach dem Verhältnis von Politik und Geschichtswissenschaft.
Die Resolutionsdebatte ist damit gerade für Schülerinnen und Schüler des Faches Geschichte in der Qualifizierungsphase, vor allem für jene im erhöhten Leistungsniveau, von beachtlichem Interesse. Denn sie bietet gleich mehrere Anknüpfungspunkte zu...

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