6. – 9. Schuljahr

Marco Dräger

August oder Oktober?

Zum Untergang Pompejis und zur Reorganisation historischen Wissens

Auch in aktuellen Geschichtsschul-büchern liest man nach wie vor, dass der Vesuv am 24. August 79 n. Chr. ausgebrochen und in dessen Folge die antike Stadt Pompeji untergegangen sei.
Diese Zeitangabe stützt sich auf zwei Briefe des jüngeren Plinius (ep. 6,16 und 6,20), der als Zeitzeuge darin sehr genau sowohl den Vulkanausbruch als auch das Schicksal seines gleich-namigen Onkels dem Historiker Tacitus berichtet. Die Briefe sind allerdings in verschiedenen mittelalterlichen Handschriften überliefert, die aber bisweilen voneinander abweichen. Die meisten Handschriften nennen den 24. August, einige weichen aber davon ab und bieten eine andere Lesart, nämlich den 24. Oktober und somit den Herbst des Jahres 79 n. Chr.
Die Analyse neuerer archäologischer Funde sowie einer Inschrift lassen einen Ausbruch im Hochsommer als äußerst unwahrscheinlich erscheinen, stattdessen präferiert die Forschung neuerdings den Herbst. Dies legen sowohl Überreste von Herbstfrüchten wie z.B. Granatäpfeln, Walnüssen, Kastanien, Oliven, Trauben, Pfirsich(-kernen), getrockneten Feigen und Datteln sowie mit neuem Wein gefüllte Amphoren, sodass auch die Weinernte bereits abgeschlossen sein musste. Außerdem wurde im Oktober 2018 ein mit Kohle geschriebenes Graffito gefunden. Es berichtet über ein üppiges Festmahl am 17. Oktober. Wegen der Vergänglichkeit des Schreibstoffes stammt es höchstwahrscheinlich aus dem Jahr des Ausbruchs.
Die Schülerinnen und Schüler sollen anhand dieser Datierungsfrage die Genese und Reorganisation historischen Wissens exemplarisch nachvollziehen und erläutern. Dazu setzen sie sich kritisch mit Darstellungen auseinander und lernen somit auch den Konstruktcharakter von Geschichte kennen. Sie beurteilen also nicht nur die dargebotenen Informationen, sondern reflektieren zugleich die Entstehung historischen Wissens mithilfe des historischen Erkenntnisverfahrens, indem sie die Schritte Heuristik, Kritik und Interpretation von Quellen sowie abschließende Darstellung im Einzelnen nachvollziehen und selbst am Beispiel Pompejis anwenden.
Als Einstieg werden die Lernenden mit Schlagzeilen (Abb. A – D ) zur notwendigen Neudatierung konfrontiert, sodass sie in einen kognitiven Konflikt geraten und selbst die Frage stellen, wann genau Pompeji untergegangen ist und wie man das herausfinden kann. Die Abbildungen der in Pompeji gefundenen Lebensmittel (M1a ) und des 2018 entdeckten Kohle-Graffitos (M1b ) dienen hierbei als Hinweise bzw. Hilfestellung.
Anschließend lesen die Lernenden den Darstellungstext (M2) und fassen dann in Partnerarbeit den bisherigen Wissensstand zum Untergang Pompejis zusammen. Der Darstellungstext basiert auf einer Pressemitteilung des Archäologischen Parks Pompeji, Zeitungs-artikeln sowie Forschungsliteratur zum Neufund von 2018.
Abschließend verfassen die Schülerinnen und Schüler in Einzelarbeit oder auch als Hausaufgabe auf Basis des aktuellen Forschungsstandes handlungs- und produktorientiert einen Lexikoneintrag für ein Schülerlexikon. Die Erkenntnisse und Ergebnisse der Stunde werden somit gefestigt und festgehalten.
Literatur
Angela, Alberto: Pompeji. Die größte Tragödie der Antike, München 2018.
Stefani, Grete: Das Datum des Vesuvausbruchs 79 n. Chr., in: Meller, Harald/ Dickmann, Jens-Arne (Hg.): Pompeji − Nola − Herculaneum. Katastrophen am Vesuv, München 2011, S. 81−84.

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