7. – 13. Schuljahr

Christine Eckl

Techniken des Ackerbaus

Pflügen, säen, ernten vom Mittelalter bis heute

„‚Herbstmilch ist ein Dokument ganz eigener Art, mit dem Reiz einer Sittengeschichte fremder Völker: Es liefert Anschauungsmaterial, wie das Leben in Deutschland vor 50 Jahren noch sein konnte, nämlich wie vor 500 Jahren, mittelalterlich. (Rumler 1985) Vielen Rezensenten erschienen die 1984 veröffentlichten „Lebenserinnerungen der niederbayerischen Bäuerin Anna Wimschneider wie aus der Zeit gefallen. Womöglich überraschte diese Sicht auf das Landleben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, da es im Widerspruch zu dem Narrativ einer umfassenden Industrialisierung steht?
Wenige Bereiche haben sich in den letzten zwei Jahrhunderten so umfassend verändert wie die deutsche Landwirtschaft. Aus einer vormodernen Agrargesellschaft, die stets am Rand des Hungers fortbestand, entwickelte sich eine spezialisierte, leistungsfähige und durchgehend mechanisierte Produktion von Lebensmitteln im Überfluss. Deren „historischer Verdienst besteht darin, eine wachsende Bevölkerung bei sinkendem Anteil der agrarisch Beschäftigten immer besser zu ernähren.
Der technische Fortschritt war dabei aber nicht die impulsgebende Kraft: Erst nach dem Zweiten Weltkrieg führten innovative Maschinen und Methoden zu einer industrieförmigen Agrarproduktion. Dieser Wandel wurde ab den 1950er-Jahren durch die vorausgegangenen Hungerjahre sowie die massenhafte Abwanderung von Arbeitskräften in andere Wirtschaftssektoren beschleunigt.
Heute arbeiten nur noch zwei bis drei Prozent der deutschen Bevölkerung in der Landwirtschaft mit erheblichem Einsatz von Technik. Seit dem Jahr 2000 geht es um Big Data auf dem „Bauernhof 4.0, Präzisionslandwirtschaft („precision farming) verändert den Ackerbau grundlegend: Der Computer lenkt den Traktor mit GPS-Sensortechnik und nutzt dabei eine Vielzahl von Messwerten und gespeicherten Datensätzen, z.B. von Bodenuntersuchungen und Düngezyklen. Moderne Nutztierhaltung wird zum „smart farming, ein Gigabyte Daten je hundert Kühe garantiert im Stall maximale betriebswirtschaftliche Effizienz und ein Roboter übernimmt die Melkarbeit.
Die Landwirtschaft in Mittelalter und Früher Neuzeit beschäftigte dagegen noch rund vier Fünftel der Bevölkerung mit harter körperlicher Arbeit sei es als Bauern, abhängige Dienstboten, Landarbeiter oder Kleinbauern mit gewerblichem Zuverdienst (vgl. Kirchinger, S. 7). Die wenigen Hilfsmittel wurden nur geringfügig verbessert. Die entscheidende Weichenstellung nach 1800 war Folge externer Einwirkungen: Der Abbau ständischer und feudaler Strukturen durch den Staat („Bauernbefreiung) und ein beschleunigtes Bevölkerungswachstum veränderten die Erwerbsgrundlage drastisch.
Der Wandel von der subsistenz- zur marktorientierten Landwirtschaft erhöhte die Produktivität in einem Maße, dass trotz der Abwanderung von Arbeitskräften in die industriellen Ballungsräume eine Ernährung der wachsenden Bevölkerung sichergestellt war. Bis zum Ersten Weltkrieg stieg die Nachfrage nach Lebensmitteln beständig an. Verbesserte Bewirtschaftungsmethoden führten zu Leistungssteigerungen (z.B. Fruchtwechselwirtschaft mit Futteranbau, Kartoffeln, Düngung mit Stickstoff). In einer langen agrarischen Boomphase vollzog sich so der Übergang vom Agrarstaat zum Industriestaat (vgl. Kopsidis, S. 239f.).
Allerdings blieb die Landwirtschaft bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in ihren arbeitsintensiven Formen bestehen. Die sich allmählich verbreitenden technischen Innovationen – z.B. Sä- und Mähmaschinen wurden noch von Pferden gezogen. Dies verdeutlicht einen „strukturellen Dualismus: Eine weiterhin bäuerlich-handwerkliche Agrarproduktion stand einer zunehmend modernen industriellen Wirtschaft gegenüber (vgl. Seidl 1995, S. 229f.).
Der „Strukturbruch erfolgte erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Es kam zu einem massiven Rückgang von Höfen. Maschinen und Geräte ersetzten zunehmend die abwandernden...

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