10. – 13. Schuljahr

Marco Dräger

Für König und Vaterland?

Geschichtslehrpläne im Wandel der Zeiten

Warum wurde und wird Geschichte in der Schule gelehrt? Eine Antwort auf die Frage nach Ziel und Zweck des Geschichtsunterrichts geben die Verfasser von Lehrplänen, Rahmenrichtlinien oder (Kern-)Curricula meist gleich zu Beginn der Norm, um Geschichte einerseits im schulischen Fächerkanon zu legitimieren und andererseits deren „Sitz im Leben zu illustrieren. Handelt es sich dabei um bloße „Vorwort-Lyrik (Pandel 2005, S. 8) oder sind sie nicht auch lernwürdige Gegenstände, an denen Schülerinnen und Schüler Einsicht in die Zeitgebundenheit von Unterrichtszielen erwerben und ihr Historizitätsbewusstsein schulen können?
Lehrpläne als Lerngegenstand
Der Geschichtsdidaktiker Horst Gies konstatiert: „Überall und zu allen Zeiten war und ist der Geschichtsunterricht dem Eingriff bzw. Zugriff gesellschaftlicher und politischer Mächte − Kirchen, Staat, Parteien, Interessenverbände − ausgesetzt. In der Absicht der Legitimation und Kompensation, der Affirmation und Revolution, der ideologischen Verschleierung und Schulung manipuliert(e) man mit der Geschichte, wurde bzw. wird aber auch die Geschichte über die Institution des entsprechenden Schulfaches manipuliert. (Gies 2004, S. 6869)
Die Geschichte des Geschichtsunterrichts gleicht somit einem „Seismographen, der alle Bewegungen in der politischen und geistigen Landschaft anzeigt (Filser 1974, S. 206). Die jüngst ausgetragene Kontroverse um den Rahmenlehrplan Geschichte in Berlin und Brandenburg dort waren vor allem Längsschnitte äußerst umstritten (vgl. Stolz 2015) verdeutlicht, wie umkämpft Inhalte, Methoden, Aufgaben und Ziele des Faches bis in die Gegenwart sind (siehe exemplarisch die Beiträge in GWU 11/12, 2017). In historischer Perspektive denke man z.B. auch an den Streit um die hessischen Rahmenrichtlinien im Jahr 1972 (Schreiber 2005).
Als Materialien wurden daher Quellen ausgewählt, an denen politische Umbrüche, Eingriffe in oder neue Perspektiven auf den Geschichtsunterricht in unterschiedlichen Epochen deutlich werden:
  • der Erlass Wilhelms II. von 1889 (M3),
  • die reformpädagogischen Maßnahmen der Weimarer Republik als Reaktion auf die Niederlage im Ersten Weltkrieg (M4),
  • die neuen Lehrpläne der Nationalsozialisten von 1938 (M2),
  • der Beschluss der Kultusministerkonferenz von 1960 auf die antisemitischen Vorfälle der späten 1950er-Jahre (M5),
  • der Lehrplan für Geschichte der Abiturstufe in der DDR (M6) und
  • exemplarisch für die Gegenwart das niedersächsische Kerncurriculum für die Sekundarstufe II (M7).
Mittels einer disziplingeschichtlichen Auseinandersetzung entwickeln die Lernenden so ein Bewusstsein für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Schule sowie (Geschichts-)Unterricht. Sie reflektieren diese ebenso wie potenzielle geschichtspolitische Instrumentalisierungen. Außerdem setzen sie sich auf diese Weise (selbst-)kritisch mit der eigenen schulischen Ausbildung auseinander.
Didaktische Überlegungen und Unterrichtsdramaturgie
Die Sekundarstufe II ist prädestiniert für dieses Thema. Als Zeitpunkt einer derartig grundsätzlichen Reflexion und als Sensibilisierung für den kommenden Unterricht bietet sich vor allem der jeweilige Halbjahresbeginn an (egal ob in Einführungs- oder Qualifikationsphase), da die Lehrkräfte dann ohnehin Transparenz schaffen, indem sie den Schülerinnen und Schülern Lerninhalte, Lernziele und Kompetenzen mitteilen, die erworben werden sollen. Die Richtlinien wiederum sind das Ergebnis von Geschichtskultur und Geschichtspolitik, sie spiegeln unterschiedliche Erwartungen und Ziele des Faches wider dies eröffnet ein Spektrum von Wissenschaftspropädeutik bis hin zu reflektiertem Geschichtsbewusstsein.
Das kritische Hinterfragen von Unterrichtszielen kann sich entweder an einen informierenden Einstieg der Lehrkraft über Inhalte und Ziele der kommenden Unterrichtssequenz anschließen oder alternativ mittels eines...

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